Sein Lebensweg ist geprägt von Beharrlichkeit, Bildung und einem konsequenten Engagement für die kroatische Sprache. Vinko Grubišić, renommierter kroatischer Dichter und Sprachwissenschaftler sowie emeritierter Professor der University of Waterloo in Kanada, hat selbst erfahren, wie entscheidend Bildung für den weiteren Lebensweg sein kann.
In der HRT-Sendung „Globalna Hrvatska“ sprach Grubišić über bislang wenig bekannte Kapitel der kroatischen Emigration, über seine Erinnerungen an bedeutende kroatische Intellektuelle im Ausland und über seinen persönlichen Weg von der Emigration bis zur akademischen Laufbahn.
„Migrantska pisma“ – Briefe aus der kroatischen Emigration
Ein wichtiger Teil des Gesprächs war seinem Buch „Migrantska pisma“ gewidmet. Darin veröffentlicht Grubišić die Korrespondenz kroatischer Schriftsteller, Sprachwissenschaftler und Intellektueller, die über verschiedene Länder verstreut lebten und oft Tausende Kilometer voneinander entfernt waren.
Zu den Persönlichkeiten gehören unter anderem der Wirtschaftswissenschaftler Juraj Petričević, der sich auch mit Fragen der kroatischen Sprache beschäftigte, sowie Ante Kadić, Bogdan Radica, Branko Franulić und Josip Matešić.
Trotz der großen Entfernungen hielten die kroatischen Intellektuellen regelmäßigen Kontakt. Sie tauschten Bücher und Publikationen aus und diskutierten über Literatur, Sprache und kulturelle Fragen.
Grubišić, der damals noch jung war, erinnerte sich daran, dass er von den älteren Kollegen auch Ratschläge erhielt. Mit seinem Buch wollte er diese weitgehend unbekannte Seite der kroatischen Emigration einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.
Ein wenig bekannter Plan für eine kroatische Sprachakademie in Rom
Besonders interessant ist ein Kapitel über einen heute wenig bekannten Versuch, in Rom eine kroatische Sprachakademie zu gründen.
Grubišić berichtet, dass die Franziskaner Lucijan Kordić und Dionizije Lasić einen solchen Plan verfolgten. Die Briefe und Dokumente aus jener Zeit geben Einblick in zahlreiche weitere Aktivitäten kroatischer Intellektueller außerhalb ihrer Heimat.
Für Grubišić zeigen diese Zeugnisse, dass die kroatische kulturelle und sprachliche Arbeit auch unter schwierigen Bedingungen und weit entfernt von Kroatien fortgesetzt wurde.
Der Weg der kroatischen Sprache in kanadische Schulen
Eine besondere Rolle spielte Grubišić bei der Einführung der kroatischen Sprache in das kanadische Bildungssystem.
Nachdem er Ende 1975 nach Kanada gekommen war, schloss er sich einer Gruppe von Professoren kroatischer Herkunft an, die sich dafür einsetzten, Kroatisch an kanadischen Schulen zu unterrichten.
Ihr Argument war einfach: Kroatische Einwanderer seien ebenso kanadische Steuerzahler wie Angehörige anderer Einwanderergemeinschaften und sollten daher die gleichen Möglichkeiten haben, ihren Kindern Unterricht in ihrer Herkunftssprache zu ermöglichen.
Der Einsatz zeigte bald erste Ergebnisse. Bereits 1976 wurden im Rahmen einer Sommerschule zwei Klassen für kroatische Sprache eingerichtet. Anschließend wurde der Unterricht während des regulären Schuljahres an mehreren Schulen in Toronto und Ontario fortgesetzt.
Der nächste Schritt war die Einführung der kroatischen Sprache an einer kanadischen Universität.
1988 begann an der University of Waterloo der Unterricht in kroatischer Sprache. Eine Gruppe kroatischer Geschäftsleute, unter ihnen Anton Kikaš und Gojko Šušak, hatte sich für die Einrichtung eines entsprechenden akademischen Programms eingesetzt.
Zunächst wurde ein Anfängerkurs angeboten. In den folgenden Jahren wurde das Angebot erweitert und umfasste verschiedene Niveaustufen sowie Lehrveranstaltungen zur kroatischen Kultur.
Damit entstand ein akademisches Angebot, das nicht nur der Vermittlung der Sprache diente, sondern auch zur Ausbildung künftiger Lehrkräfte beitragen sollte, die Kroatisch an kanadischen Schulen unterrichten konnten.
Weniger Interesse am Sprachenstudium
Heute beobachtet Grubišić allerdings eine deutliche Veränderung. Das Interesse am systematischen Studium von Sprachen sei zurückgegangen – und dies betreffe nicht nur Kroatisch.
Während in Kanada und Australien in den 1980er-Jahren noch großer Enthusiasmus für das Erlernen von Sprachen geherrscht habe, sei die Situation heute eine andere.
Als einen möglichen Grund nennt Grubišić die technischen Möglichkeiten, die das selbstständige Lernen erleichtern. Über digitale Angebote können Studierende Dialoge hören, Übungen absolvieren und ihre Fortschritte selbst überprüfen.
Gleichzeitig betont er, dass die Ursachen für den Rückgang des Interesses noch nicht ausreichend erforscht seien.
Für ihn bleibt der persönliche Unterricht dennoch besonders wichtig. Das Lernen auf dem Campus, der direkte Kontakt mit Professoren und anderen Studierenden sowie das gemeinsame Üben seien durch digitale Angebote nicht vollständig zu ersetzen.
Eine Nylonfabrik als Wendepunkt
Besonders eindrucksvoll ist Grubišićs Erinnerung an die Anfänge seines eigenen Bildungsweges.
Nachdem er in einem Flüchtlingslager politisches Asyl erhalten hatte, stand ihm grundsätzlich die Möglichkeit offen, in verschiedene europäische Länder weiterzureisen. Doch ohne Geld und finanzielle Sicherheit waren die Möglichkeiten begrenzt.
Dank der Unterstützung des Franziskaners Lucijan Kordić erhielt Grubišić ein Stipendium und konnte sein Studium im schweizerischen Freiburg beginnen.
Die finanzielle Unterstützung war allerdings zeitlich begrenzt. Nach dem ersten Semester musste er selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. Deshalb nahm er eine Arbeit in einer Nylonfabrik an, wo er Kartons stapelte.
Die Arbeit war körperlich nicht besonders schwer, aber ihre Monotonie wurde für ihn zu einer entscheidenden Erfahrung.
„Das war eine schreckliche Arbeit. Nicht schwer, aber sie macht einen verrückt“, erinnerte er sich.
Gerade diese Erfahrung brachte ihn zu einer entscheidenden Erkenntnis: Er wollte diese Arbeit nicht sein ganzes Leben lang machen. Er müsse sein Studium abschließen und bis zum Doktorgrad weitergehen.
Bildung als persönliche Entscheidung
Schließlich fand Grubišić eine Teilzeitstelle an einem Schweizer College. So konnte er gleichzeitig arbeiten und weiterstudieren und schließlich seinen Doktorgrad erwerben.
Rückblickend betrachtet er die Erfahrung in der Fabrik als eine wichtige Motivation für seinen weiteren Lebensweg. Manchmal, so seine Überlegung, müsse man eine monotone oder unbefriedigende Situation erleben, um sich zu fragen, ob es nicht einen anderen, interessanteren Weg gibt.
Aus dem Flüchtling und Fabrikarbeiter wurde ein Wissenschaftler, Hochschullehrer und emeritierter Professor. Gleichzeitig blieb die Beschäftigung mit der kroatischen Sprache und Kultur ein zentraler Bestandteil seines Lebens.
Seine Geschichte verbindet damit zwei Ebenen: die persönliche Kraft der Bildung und das kollektive Bemühen einer Emigrantengemeinschaft, Sprache und kulturelle Identität auch weit entfernt von der ursprünglichen Heimat zu bewahren.
Quelle: GH