Nadia mit ihrem Vater und ihren Kindern
Foto: - / Privatarchiv
Die Tochter des Kroaten Franjo Soldo und einer Südafrikanerin wuchs in einem Land mit reicher, aber komplexer Geschichte auf. Nun beginnt ein neues Kapitel: Gemeinsam mit ihren Kindern Danijela und Živan reiste Nadia Soldo über Kontinente hinweg, um das Land ihrer Vorfahren zu entdecken.
Das neue Leben ihres Vaters begann einst mit einer Fahrkarte ohne Rückoption nach Südafrika. Ihn lockten das doppelte Gehalt und die halbierten Lebenshaltungskosten. Doch vor Ort traf er na die Realität der Apartheid-Politik – eine völlig fremde Welt.
„Als er in Afrika ankam, war es anfangs sicher sehr schwer für ihn“, erzählt seine Tochter Nadia Soldo. „Südafrika erlebte damals eine Phase großer politischer Instabilität und strikter Rassentrennung, Fremde wurden kaum akzeptiert. Mein Vater war ein sehr sanfter, feinfühliger Mensch. Ich glaube, diese Zustände haben ihn belastet. Auch die Auswanderung an sich war eine harte Erfahrung.“
Fragen ohne Antworten
Der Vater sprach selten über seine Vergangenheit. Die Tochter wusste nur, dass er zwischen Slawonien und der Herzegowina aufgewachsen war und dann, wie viele andere damals, sein Glück in der Welt suchte. Wo lagen seine genauen Wurzeln? Aus welcher Familie stammte er? Jahrelang blieben diese Fragen offen – bis Nadia Soldo beschloss, selbst nach Antworten zu suchen.
„Mit etwa 19 oder 20 Jahren – das ist jetzt rund 27 Jahre her – entschied ich mich, nach Europa zu reisen. Ich wollte einfach meine Familie besuchen, wusste aber nicht, was mich erwartet“, erinnert sie sich. „Schließlich traf ich meineVerwandten in Slawonien und der Herzegowina. Als ich bei ihnen saß, begriff ich plötzlich: Das ist der Teil meiner Identität, den ich all die Jahre nicht kannte. Es war wie das Heben eines verborgenen Schatzes. Mir wurde klar, dass dies das fehlende Puzzleteil war, das perfekt zu meiner spontanen, manchmal etwas verrückten Art passt. Da wusste ich: Das bin ich.“
Diese Begegnung veränderte ihre Perspektive und schenkte ihr ein Gefühl der Zugehörigkeit. Erst damals verstand sie den Schmerz, den ihr Vater bei der Ausreise getragen hatte, aber auch das, was er aus der Heimat mitnahm – wie das Ritual des ausgiebigen Kaffeetrinkens. Ein Stück Kroatien am Rande des afrikanischen Kontinents.
„Südafrika ist ein Schwellenland mit enormen sozialen Gegensätzen, auch in der Wirtschaft“, erklärt sie. „Es gibt eine Mittelschicht und reiche Bevölkerungsteile, aber eben auch sehr viele Menschen in bitterer Armut. Die Infrastruktur unterscheidet sich stark von der in Europa.“
Mehr als nur ein Dokument
Franjo Soldo heiratete eine Südafrikanerin, deren Muttersprache Afrikaans war. Das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen war nicht immer einfach, gesteht Nadia, doch im Rückblick sei es eine Bereicherung. Dieses Erbe gibt sie nun an ihre Kinder weiter.
„Es war ein Geschenk. Ich habe meinen Kindern gesagt, dass mein Vater ihnen kroatische Pässe hinterlassen hat. Aber das ist nicht nur ein Stück Papier. Sie haben ihren Großvater sehr geliebt, sie sind mit ihm aufgewachsen. Deshalb möchte ich nicht, dass sie das vergessen. Ihre Identität ist kein bloßes Dokument. Man trägt sie in sich, man muss sie spüren und annehmen.“
Ihr Sohn Živan Vermaak erinnert sich gut daran, wie er Kroatien durch die Augen seines Großvaters kennenlernte: „Er hat kroatische Gerichte für uns gekocht, und so lernten wir die Kultur kennen. Fast jeden Tag brachte er uns neue Wörter bei. Wir haben zusammen die Weltmeisterschaft geschaut und die kroatische Nationalmannschaft angefeuert. Deshalb fühlten wir uns immer mit Kroatien verbunden. Als wir jetzt hierherkamen, sahen wir all das, wovon er erzählt hatte, mit eigenen Augen. Seine Erzählungen wurden Realität.“
Seine Schwester Danijela Vermaak begeistert vor allem die Herzlichkeit der Menschen vor Ort: „Man wird sofort aufgenommen, die Menschen geben ihr Bestes und sind unglaublich großzügig. Familie ist hier einfach Familie. Es ist völlig egal, ob man Verwandte fünften Grades ist – jeder schließt dich sofort ins Herz. Man fühlt sich sofort zugehörig.“
Živan verbindet eine ganz bestimmte Lebensweisheit mit seinem Großvater: „Jeden Tag auf dem Schulweg sagten wir: Tschüss Opa, bis später. Doch der wichtigste Satz, den ich nie vergessen werde, heißt: Gib mir Kraft (kroatisch: daj snage). Daran denke ich immer, wenn es mal schwer wird. Erst hier in Kroatien hat dieser Satz für mich eine tiefere Bedeutung bekommen. Wir haben Vukovar und die Herzegowina besucht und gesehen, wofür die Kroaten gekämpft haben und was ihnen wichtig ist. Erst da habe ich verstanden, woher dieses Gib mir Kraft kommt.“
Auf den Spuren des Großvaters
Es brauchte Kraft und Mut, um aus einem kleinen slawonischen Dorf in ein faszinierendes, aber gefährliches Land wie Südafrika aufzubrechen. Und es brauchte denselben Mut für die Umkehrung: die Suche nach dem Ort, an dem das Herz des Vaters geblieben war.
„Mein Vater ist in Vetovo begraben. Er wollte immer zurückkehren, er gehörte einfach hierher“, sagt Nadia wehmütig. „Ich habe ihm damals versprochen: ‚Wir werden kommen, mach dir keine Sorgen‘.“
„Ich habe ihm am Grab gesagt, wie sehr er uns fehlt“, erzählt Danijela bewegt. „Und ich habe ihm gesagt, was für eine wichtige Erfahrung diese Reise für mich ist. Ich liebe ihn sehr.“
Auch für Živan war der Besuch am Grab ein emotionaler Meilenstein: „Als wir hier herkamen, fühlte es sich an wie Heimkommen. Opa wollte immer zurück nach Kroatien. Als ich an seinem Grab stand, dachte ich: Ich bin bei dir, Opa. Das ist der Moment.“
Sowohl Danijela als auch Živan sehen ihre Zukunft in Kroatien. Ihr nächster Schritt ist der Besuch einer Sommerschule für kroatische Sprache, gefolgt von einem eventuellen Studium, um noch mehr über das Land ihres Großvaters zu erfahren.
Botschaft an die Diaspora: „Sucht nach euren Wurzeln“
Zum Abschluss des Gesprächs richtet Nadia Soldo eine Botschaft an alle Kroaten, die fernab der Heimat leben:
„Lasst eure kroatische Herkunft kein bloßes Stück Papier sein. Kommt hierher und spürt es selbst. Das passiert nicht von alleine, man muss diesen Schritt selbst wagen. Öffnet eure eigene Schatztruhe, findet eure Familie und lernt eure Geschichte kennen. Seid stolz darauf – ihr werdet genau das finden, wonach ihr sucht.“
Autor: Ivana Perkovac/B.NJ./Glas Hrvatske
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