Am 4. August 1995 begann die militärisch-polizeiliche Operation «Oluja». Innerhalb von 85 Stunden brachten kroatische Streitkräfte weite Teile der zuvor von serbischen Kräften kontrollierten Gebiete wieder unter die Kontrolle Zagrebs. Die Einnahme von Knin wurde zum Symbol eines entscheidenden Wendepunkts im kroatischen Unabhängigkeitskrieg.
Es war der frühe Morgen des 4. August 1995, als die kroatische Armee und Polizei eine gross angelegte Offensive entlang einer fast 600 Kilometer langen Front starteten. Fast 200'000 Soldaten und Polizisten waren an der Operation beteiligt, die den Namen «Oluja» – auf Deutsch «Sturm» – trug.
Das Ziel war, jene Gebiete wieder unter kroatische Kontrolle zu bringen, die seit Beginn des Krieges von serbischen Kräften gehalten wurden. Eine Schlüsselrolle spielte dabei Knin.
Knin als Zentrum der serbischen Krajina
Die Bedeutung der Stadt reicht bis an den Beginn des Konflikts zurück. Im Sommer 1990 errichteten aufständische Serben in der Region Barrikaden und widersetzten sich der neu gewählten kroatischen Regierung. Die Ereignisse wurden als «Balvan-Revolucija bekannt.
1991 entwickelte sich daraus ein offener bewaffneter Konflikt. Knin wurde zum politischen und militärischen Zentrum der selbstproklamierten «Republik Serbische Krajina». Die kroatische Bevölkerung wurde aus der Stadt vertrieben, die bis zum Sommer 1995 ausserhalb der Kontrolle Zagrebs blieb.
Aufgrund seiner strategischen und politischen Bedeutung gehörte Knin zu den wichtigsten Zielen der kroatischen Offensive.
Die kroatische Flagge über der Festung
Bereits am zweiten Tag der Operation, dem 5. August 1995, erreichten kroatische Einheiten Knin und brachten die Stadt unter ihre Kontrolle.
Zu einem der bekanntesten Bilder dieser Tage wurde die kroatische Flagge auf der Festung über der Stadt.
Angehörige der 7. Gardebrigade «Puma» entfernten dort die serbische Flagge. Zu den Soldaten, die auf den Fahnenmast kletterten, gehörten Jasmin Hadžić, Mario Bilać und Eduard Baltić.
Weil der Mechanismus des Fahnenmasts nicht funktionierte, konnte die grosse kroatische Flagge zunächst nicht wie vorgesehen gehisst werden. Die Soldaten breiteten sie deshalb über die Mauern der Festung aus. Später wurde sie am Fahnenmast angebracht.
Die damalige Originalflagge wird heute im Kroatischen Gedenk- und Dokumentationszentrum des Heimatkriegs in Zagreb aufbewahrt.
Mehr als 10'000 Quadratkilometer in 85 Stunden
Die Operation dauerte vom 4. bis 7. August 1995 und während 85 Stunden brachten kroatische Streitkräfte10'400 Quadratkilometer wieder unter die Kontrolle Zagrebs.
243 kroatische Soldaten und Polizisten kamen während der Operation ums Leben, 1430 wurden verwundet. Zwei gelten weiterhin als vermisst.
Mit dem Ende von «Oluja» war die territoriale Reintegration Kroatiens allerdings noch nicht vollständig abgeschlossen. Das kroatische Donaugebiet im Osten des Landes blieb zunächst ausserhalb der Kontrolle Zagrebs. Dieser Prozess wurde 1998 mit der friedlichen Reintegration des Gebiets abgeschlossen.
Die Menschen hinter den Zahlen
Die Geschichte von «Oluja» ist auch eine Geschichte persönlicher Schicksale.
Ivan Svalina, Stipan Dundović und Miroslav Vođera gehörten der 4. Gardebrigade an. Sie waren 20, 22 und 23 Jahre alt, als sie am 5. August 1995 in Golubić bei Knin in den letzten Kämpfen um die Stadt ums Leben kamen.
Am Ort ihres Todes erinnert heute ein Denkmal an die drei jungen Soldaten. Ehemalige Kameraden kommen dort jedes Jahr am Jahrestag der Operation zusammen.
Auch Arsen Jakovac, damals Angehöriger des kroatischen Innenministeriums und der Spezialeinheit «Ajkula», erinnert sich bis heute an den Moment, als seine Einheit die Nachricht von der Einnahme Knins erhielt.
Die Soldaten befanden sich zu diesem Zeitpunkt in der Umgebung von Medak. Zunächst hätten sie der Nachricht kaum glauben können. Erst als sie später die kroatische Flagge über Knin sahen, sei ihnen bewusst geworden, dass die Stadt tatsächlich eingenommen worden war.
Der Historiker Ante Nazor verbindet mit diesen Tagen ebenfalls persönliche Erinnerungen. Besonders im Gedächtnis blieb ihm die Radiomeldung über Knin. Gleichzeitig erinnert er an seinen Kollegen Tihomir Klobučar, der seine Ausbildung unterbrach, um an der Operation teilzunehmen, und nicht zurückkehrte.
Der 5. August als nationaler Gedenktag
Heute begeht Kroatien am 5. August den «Dan pobjede i domovinske zahvalnosti» – den Tag des Sieges und der heimatlichen Dankbarkeit – sowie den Tag der kroatischen Veteranen.
Knin bildet traditionell das Zentrum der Gedenkfeiern. Veteranen, Angehörige der Gefallenen, Vertreter des Staates und zahlreiche Besucher kommen dort zusammen.
31 Jahre nach «Oluja» erinnern 245 Kadetten der kroatischen Streitkräfte und Angehörige der Polizeiakademie an die 243 Gefallenen und zwei Vermissten der Operation. Ihre Namen werden während der Zeremonie verlesen.
Um 9.43 Uhr läuten die Kirchenglocken von Knin. Auf der Festung wird erneut die kroatische Flagge gehisst.
So verbindet sich der Jahrestag bis heute mit zwei Seiten der kroatischen Erinnerung: mit dem militärischen Erfolg des August 1995 und mit dem Gedenken an jene, die aus dem Krieg nicht zurückkehrten.