Die Stimme Kroatiens

17:00 / 29.10.2022.

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Müll als Beschäftigungstherapie für Kroaten

Müllcontainer in Zagreb

Müllcontainer in Zagreb

Foto: Dnevnik / HRT

Mir ist es kaum möglich, diesen Text ordentlich und ernsthaft zu beginnen, so sehr überkommt mich vor unmittelbar eintretendem Lachkrampf ein Zucken im gesamten Oberkörper, wenn ich nur daran denke: Die Kroaten - genauer die Zagreber - müssen fortan ihren Müll trennen.


Ich weiß, liebe Leser, mehr braucht es dazu eigentlich gar nicht zu sagen. Dieser Fakt allein sorgt, zumindest bei mir, gleichermaßen für Erstaunen und Amusement sowie auch für ein kleines bisschen Schadenfreude. Das ist bekanntlich die schönste, also lassen Sie mir meinen Spaß beim Gedanken daran, wie der einzelne Kroate sich nun vulgärst fluchend in der Trennung seines Mülls versucht. Diese Vorstellung ist so komisch, dass ich mich vor Lachen schreiend, heulend und die Bauchmuskeln nach gefühlten Jahrtausenden endlich wieder mal spürend tobend und wild um mich schlagend auf dem Boden wälzen könnte. Ich meine, wir reden hier von Kroaten, nicht von Deutschen, deren sogar innerhäusliche Mülltrennung exakt der vorbildlich geordneten Supermarktkassenwarteschlange (so lange Wörter gibt's nur auf Deutsch) gleicht. Zu Coronazeiten wohlgemerkt. Ja, bei uns Deutschen hält sogar der Müll voneinander Abstand, sodass Sie im Grunde fast daraus essen könnten. Was heißt fast? Vielerorts ist das sogenannte Containern total en vogue, wirft man hier immerhin endlose Lebensmittel noch vor ihrem Verfallsdatum aus den Supermärkten geradewegs in den Müll. Insofern also grundsätzlich nachvollziehbar, das Containern. Eben nur verboten, wie so vieles hier. In Kroatien würde ich vom Containern allerdings ebenfalls die Finger lassen, aber nicht eines eventuellen Gesetzeskonfliktes wegen, als vielmehr aufgrund der dortigen "interessanten" Lagerungsarten mancher Lebensmittel - im Hochsommer zum Beispiel. Da nimmt der Deutsche selbst vor dem legalen Erwerb seinen antrainierten Sicherheitsabstand (der uns in Wahrheit im Blut liegt) ganz von allein ein.


Es geht beim Müll natürlich nicht nur um Lebensmittel. Insgesamt kommen ja allerorts viel mehr Abfälle zusammen, vom üblichen Haushaltsmüll über Sondermüll bis hin zu sperrigem Müll. Weltweit entstehen aktuell ca. zwei Milliarden Tonnen Müll jährlich, wobei die Weltbank bis 2050 eine Zunahme der Müllproduktion um 70 (!) Prozent prognostiziert hat. Ein Problem, das Kroatien durch seine Lage am Meer durchaus auf dem Schirm hat, denn nicht wenig des jährlich entstehenden und immer mehr werdenden Mülls landet in den Ozeanen. Was das Plastik, aber auch andere Materialien dort verursachen, hat das Aquarium in Pula zum Beispiel für seine Gäste sehr gut veranschaulicht - für jedes Alter und jede Sprache verständlich. Auch können Sie dort erkrankte Meeresschildkröten besuchen. Woran die aktuell dort befindlichen tierischen Patienten im einzelnen leiden, weiß ich natürlich nicht. Aber wir wissen alle, dass viele Meerestiere aufgrund besagter Müllmassen elendig verenden. Wahrlich also grundsätzlich kein witziges Thema dieses heutigen Blogs. Der sortierende Kroate aber wohl. Von daher wieder zurück zu dessen Dilemma, in dem er sich jetzt plötzlich befindet.


Als Deutsche, die mit einem Mülltrennungssystem groß geworden ist, sind Aufenthalte in Kroatien mülltechnisch ja zugegeben immer eine kleine Erholung und Aufregung zugleich. Man schmeißt, wenn auch zögerlich, einfach alles in einen Container und ist den Mist - wenigstens vorerst oder gefühlt - los. Als Tonnen zur Proklamation einer vorgeblich vorbildlichen Mülltrennung sind mir bis dato nur blaue für Papier untergekommen. Irgendwie also nicht einmal verwunderlich, wenn auch nicht nachvollziehbar, dass diverser Abfall in Kroatien vielerorts die Landschaft verschandelt. Selbst ein Serienmörder würde beim Thema Entsorgung gewissenhafter vorgehen. Aus Gründen natürlich, aber ich mein ja nur. Was aber macht nun der fast schon bemitleidenswerte Durchschnittskroate, dem bei Nichtbeachtung der Mülltrennung mitunter saftige Geldstrafen drohen? Mein spontan deutscher Gedanke nach einem persönlichen Bericht über die aktuellen Abfallbeseitigungszustände in Zagreb, die einem in der Tat Bangladesch-ähnliche Bilder vor dem geistigen Auge aufzwängen, waren in üblich solidarischer und weltrettender Manier: Gibt es bereits unterstützende Mülltrennungskampagnen für Zagrebs Bürger? Ich denke da etwa an ausliegende Broschüren in allen öffentlichen Einrichtungen, Geschäften, in Arztpraxen, an Beilagen in den Zeitungen, Informationsflyer an alle Haushalte, Aufkleber für die Mülltonnen, Grüne Punkte, günstig zu erwerbende Beistellsäcke (ein Wort, das im Kroatischen nun zwangsläufig eingeführt werden muss) und nicht zu vergessen an Unterrichtsmaterialien für alle Schulen und pädagogisch wertvolles Legematerial, sodass auch die Kleinsten bereits spielerisch an die neue Lebensaufgabe herangeführt werden und ihre Eltern bei Bedarf mel... ähm, korrigieren, nein: unterstützen können.


Ich hoffe doch sehr, die EU hat für diese wichtige Aufgabe keine Kosten und Mühen gescheut. Schließlich wissen wir Deutschen zu gut, dass die Aufklärung über die korrekte Mülltrennung ein lebenslanger Prozess ist, kapieren wir es trotz Einführung in den 80ern immerhin bis heute nicht. Da wird an den Tonnen mit den Nachbarn fleißig diskutiert und sich geärgert, weil wieder einmal "irgendein Idiot" seinen Müll in die falsche Tonne geworfen hat. Ausfindig machen lässt er sich natürlich nie. Trotz schärfster Beobachtungen und Nachforschungen. Keiner war's jemals. Interessant wird's da erst, wenn die Müllabfuhr wegen falscher Trennung die vollen Tonnen mit rotem Ermahnschild versieht und sie eiskalt stehenlässt. Natürlich krabbelt dann niemand in die Tonne hinein, um eine abschließende ordnungsgemäße Mülltrennung vorzunehmen. Man sortiert stattdessen den oberen, sichtbaren Teil entsprechend der Mülltonnenaufklebervorgaben schnell um und gelobt Besserung. Erwischt! Es geht also. Ganz einfach sogar. Warum also nicht gleich so? Unterschätzen Sie also Mülltrennungskampagnen nicht. Sie kommen Ihnen eines Tages zugute. Etwa dann, wenn die Müllüberforderungsverhältnisse zu Nachbarschaftskriegen ausarten, bei denen Sie nur mit Wissen unter dem privatdetektivischen Radar bleiben. Können Serienmörder ihre Müllgebühren eigentlich absetzen? Resttonne, oder?


À propos Tonne: Die Zagreber haben hoffentlich auch ihre Hausmülleimer der neuen Entsorgung entsprechend angepasst. In Deutschland haben wir vier Stück an der Zahl. Plus Altglas, Batterien und andere Sonderabfälle. Während es in deutschen Haushalten aufgrund der dort eigens befindlichen Müllsortierungsanlagen auch innerfamiliär zu der ein oder anderen Mülldiskussion kommt, bei der man sich, Gott sei Dank, die endlosen staatlichen Unterstützungsmaterialien zu Hilfe nehmen kann, stelle ich mir selbige Situation in kroatischen Familien um ein Vielfaches filmreifer vor. Popcornwürdig nenn ich es. Halten Sie künftig jedenfalls neben Lärmschutz auch ausreichend "Beistellsäcke" in Zagreb bereit. Vergessen Sie, liebe Zagreber, außerdem die regelmäßige Reinigung Ihrer Mülleimer und -tonnen sowie in den Sommermonaten einen Schuss Essig in selbige nicht. Und bedenken Sie bei weiteren Wahlen, wieviel deutsche Ordnung Sie noch so vertragen können. Da geht noch mehr. Der Müll ist erst der Anfang. Als nächstes kommen wir mit Gendersternchen.


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