Die Stimme Kroatiens

11:00 / 13.09.2026.

Autor: Antunela Rajič

Kroatien mit X-Faktor: Wenn der Weg der Auswanderer zurückführt

Charlene und Nathanael
Charlene und Nathanael
Foto: HRT / HRT

Einst war Kroatien vor allem ein Land, das Menschen verliessen. Heute entdecken immer mehr Menschen das Land als neue Heimat – nicht nur Rückkehrer mit kroatischen Wurzeln, sondern auch Ausländer. Doch der Neustart zwischen amerikanischem Tempo und kroatischem «pomalo» bringt seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich.



112 Jahre nachdem ihr Grossvater Mate aus der Region Gorski kotar an die Ufer des Lake Michigan ausgewandert war, hat seine Enkelin Charlene Marie Malnar Ritter den Weg zurück nach Kroatien gefunden. Alles begann im Jahr 2008. Damals reiste Charlene zum ersten Mal nach Kroatien und lernte ihre Familie kennen. Ihre Verwandten führten sie auch zum Geburtshaus ihres Grossvaters – einem Haus, das während des Krieges von italienischen Soldaten zerstört worden war. Als Erinnerung durfte sie einen Stein aus den Überresten des Hauses mit in die USA nehmen. 

«So hatte ich in Amerika ein Stück Erinnerung an das Haus meines Grossvaters», erzählt Charlene. 

Aus diesem Stein begann langsam auch ein neues Bewusstsein für die eigene Identität zu wachsen. Den entscheidenden Anstoss, ihre kroatischen Wurzeln auch offiziell zu bestätigen und die kroatische Staatsbürgerschaft zu beantragen, gab schliesslich ihr Ehemann Nathanael.


Sieben Jahre Warten auf den Neuanfang

Doch der Weg zum kroatischen Pass verlangte Geduld – viel Geduld. Vier Jahre nach dem Antrag erkundigte sich das Ehepaar erstmals beim Konsulat, ob möglicherweise Unterlagen verloren gegangen seien. Die Antwort war einfach: warten. Danach riefen Charlene und Nathanael alle sechs Monate erneut an. Als Charlene die Staatsbürgerschaft schliesslich erhielt, sei es ein unwirklicher Moment gewesen, erzählt ihr Mann. Anschliessend beantragte auch er als Ehepartner die kroatische Staatsbürgerschaft – ein Verfahren, das nochmals zwei Jahre dauerte. Während dieser insgesamt sieben Jahre reifte jedoch eine weitere Entscheidung: Der Wunsch, nach Kroatien zu ziehen, wurde immer stärker.


Nach überstandener Krankheit folgte der Entschluss

Im vergangenen Oktober erhielt Charlene eine Diagnose, die ihr Leben erneut grundlegend veränderte. Sie entdeckte einen Knoten an ihrem Hals und erfuhr nach einer Untersuchung in der Notaufnahme, dass sie an Krebs erkrankt war. Es folgten Monate mit Chemotherapie und Behandlungen. Als die Untersuchungen im April zeigten, dass der Krebs nicht mehr nachweisbar war, stand für Charlene fest: Jetzt ist der Moment gekommen. «Ich sagte: Wir ziehen nach Kroatien.» Die Ärzte empfahlen ihr, noch einige Monate auf weitere Kontrolluntersuchungen zu warten. Doch nach Jahren des Wartens wollte das Ehepaar den Schritt nicht länger hinauszögern.  Inzwischen hat Charlene auch in Kroatien eine Kontrolluntersuchung durchführen lassen. Das Ergebnis: Alles ist in Ordnung.


Ein Zuhause in Trogir – und herzliche Begegnungen

Ihr erstes Zuhause in Kroatien fanden Charlene und Nathanael in Trogir. Besonders beeindruckt hat sie die Reaktion der Menschen, wenn sie von ihrer Verbindung zu Kroatien erzählten. Zunächst hätten viele Menschen erkannt, dass sie aus den USA kommen. Doch sobald sie erwähnten, dass sie kroatische Staatsbürger seien oder Charlene kroatische Wurzeln habe, habe sich die Atmosphäre verändert. «Plötzlich wurden wir wie Freunde oder Familie behandelt. Die Menschen luden uns ein, wiederzukommen und sich erneut zu treffen. Wir waren begeistert von dieser Herzlichkeit», erzählt das Ehepaar. 

Nathanael betont dabei, dass der Umzug nach Kroatien keine Flucht aus den USA gewesen sei. 

«Ich liebe mein Land, das Land, aus dem ich komme. Und sie liebt es auch. Aber wir hatten die Möglichkeit, all das kennenzulernen, was sie väterlicherseits im Blut trägt. Wir sind gekommen, weil wir es wollten, nicht weil wir vor etwas weglaufen wollten.» Beide Länder seien Teil ihres Lebens.


Hilfe beim Neustart 

Die kroatische Bürokratie habe dem Paar während des langen Wartens zumindest eines ermöglicht: genügend Zeit, sich auf das Leben im neuen Land vorzubereiten. Eine wichtige Hilfe dabei war für Charlene die Plattform «Expat in Croatia». Über Jahre hinweg las sie Blogbeiträge, verfolgte Videos auf YouTube und Instagram und schaute Liveübertragungen, in denen Fragen rund um das Leben in Kroatien beantwortet wurden. 

«Das war für uns eine enorme Hilfe», sagt Charlene. «Ich lernte viel über ein Land, das damals bereits auch mein Land war, über das ich aber eigentlich kaum etwas wusste.» 

Seit 13 Jahren veröffentlicht Sara Dyson Informationen und praktische Ratschläge für Menschen, die nach Kroatien ziehen möchten. Für Charlene und Nathanael waren diese Inhalte besonders in den ersten Monaten eine wichtige Orientierungshilfe. 

Denn eines sei, die kroatische Staatsbürgerschaft zu erhalten – etwas ganz anderes sei es, tatsächlich in das Land umzuziehen. Fragen zur Krankenversicherung, zu persönlichen Dokumenten oder zur Wohnungssuche müssten nach der Ankunft Schritt für Schritt geklärt werden. 

«Wenn man landet, wartet niemand am Flughafen auf einen, nimmt einen an der Hand und erklärt: Das sind die Schritte, die du jetzt machen musst», sagt Charlene. Die Beiträge von «Expat in Croatia» hätten ihnen deshalb geholfen, sich im System zurechtzufinden.


Die Geschichte Kroatiens erzählen


An den Inhalten der Plattform arbeitet ein Team von Menschen mit. Dazu gehört auch Kaja Pavlinić Popović, Informatikingenieurin und Content-Creatorin. Für sie sind soziale Medien nicht nur Arbeit, sondern vor allem eine Leidenschaft. Durch ihre engen Verbindungen zu den USA und anderen Ländern sowie durch ihre zahlreichen Reisen habe sie einen besonderen Bezug zur kroatischen Diaspora entwickelt. Ihr Ziel sei es, Kroaten ausserhalb des Landes und anderen Interessierten zu zeigen, welche Möglichkeiten Kroatien bietet und wie ein Leben im Land aussehen kann. 

«Es ist eine schöne Möglichkeit, unserer Diaspora und Kroaten ausserhalb Kroatiens näherzubringen, was sie hier alles erreichen können, wie das Leben in Kroatien aussehen könnte und wie sie diesen Weg gehen können», sagt Kaja.


Jetzt steht die Sprache im Mittelpunkt


Für Charlene und Nathanael geht der Neuanfang inzwischen weiter.  In wenigen Wochen beginnen sie einen Kroatischkurs am Croaticum. Dafür haben sie ihre Adresse in Trogir gegen eine neue Adresse in Zagreb eingetauscht. Charlene wuchs an der amerikanischen Westküste im Bundesstaat Washington auf. Ihr Vater, ein Kroate und Angehöriger der US-Armee, war in Korea stationiert und lernte dort ihre koreanische Mutter kennen. Mit Kroatisch kam Charlene in ihrer Kindheit deshalb kaum in Berührung. Umso grösser ist heute ihre Vorfreude. 

«Ich freue mich darauf, hier die Sprache zu lernen und meine Wurzeln kennenzulernen», sagt sie.

Auch Nathanael empfindet die neue Staatsbürgerschaft als etwas Besonderes.

«Sie können sich nicht vorstellen, wie stolz ich bin, die Staatsbürgerschaft erhalten zu haben. Jeden Tag muss ich mich zwicken, um zu sehen, ob das alles wirklich wahr ist.»

Er sei den Menschen in Kroatien und dem Staat dankbar für diese Möglichkeit.  


Ein Weg zurück – und gleichzeitig nach vorne


Eine neue Seite im Leben aufzuschlagen, erforderte Mut – heute genauso wie vor mehr als hundert Jahren.  Damals verliess Charlene Maries Grossvater Kroatien und machte sich auf den Weg in eine unbekannte Zukunft in Amerika. Mehr als ein Jahrhundert später hat seine Enkelin den umgekehrten Weg gewählt. Der Weg nach Kroatien ist auch heute nicht immer einfach. Zwischen Formularen und Behördengängen, kulturellen Unterschieden und einer völlig neuen Alltagswelt braucht es Geduld, Mut und Vorbereitung. 

Doch dank Menschen, die ihre Erfahrungen und ihr Wissen weitergeben, ist der Neustart für viele heute weniger ein Sprung ins Unbekannte. 

Und so wird Kroatien für immer mehr Menschen zu einem Land mit einem ganz besonderen X-Faktor – nicht nur für jene, die hier ihre Wurzeln haben.

Charlene und Nathanael

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