Die Stimme Kroatiens

09:02 / 15.09.2026.

Autor: Antunela Rajič

«Wenn ich hierherkomme, kann meine Seele atmen»

Ann Vučić
Ann Vučić
Foto: ICMM / HRT

Sie war erst 15 Jahre alt, als sie einen Satz hörte, der ihr Leben für immer verändern sollte: In Međugorje ist die Muttergottes erschienen. In diesem Moment, sagt Ann Vučić heute, seien all die Wut, das Leid und die Bitterkeit verschwunden, die sie jahrelang in sich getragen hatte.

Aus einem Mädchen, das sich wegen Mobbings unter Gleichaltrigen vom Glauben entfernt hatte, wurde eine Frau, die mehr als 25 Jahre lang Pilgergruppen nach Međugorje führte und von ihren Erfahrungen berichtete. Ihr Leben wurde zu einer Geschichte über Glauben, Bekehrung und Menschen, die in Međugorje, wie sie sagt, ihren persönlichen «Vorher-und-nachher-Moment» erlebten. 

Schritt für Schritt, Stein für Stein steigen seit Jahren Millionen von Pilgerinnen und Pilgern den Hügel von Međugorje hinauf. Auf diesem Weg lassen sie ihre Sorgen zurück, suchen Frieden und wenden sich an Maria. Unter ihnen ist auch Ann Vučić. 

Doch ihre Geschichte mit Međugorje begann nicht als Geschichte einer erwachsenen Frau, die später während Jahrzehnten andere Menschen an diesen Ort in der Herzegowina begleiten würde. Sie begann an einem Junitag im Jahr 1981, als die 15-Jährige zum ersten Mal hörte, dass die Muttergottes in Međugorje erschienen sei. Dieser Moment, sagt sie, habe alles verändert.


Das Mädchen aus Cerno, dessen Leben in Amerika weiterging 

Ann wurde in Cerno geboren, einem Dorf nur zwei Kilometer von Međugorje entfernt. Sie war noch nicht einmal zwei Jahre alt, als ihre Familie die Heimat verlassen und in den Vereinigten Staaten ein neues Leben beginnen musste. Die Familie Vučić kam nach Chicago, wo es bereits eine starke kroatische Gemeinschaft gab. Die kroatische Kirche, das Kulturzentrum und kroatische Vereine wurden Teil ihres neuen Lebens. 

«Das hier ist gewissermassen das Zentrum unserer Identität», sagt Ann, wenn sie über ihre Heimat und die Wurzeln ihrer Familie spricht. 

In Chicago wuchs sie umgeben von der kroatischen Gemeinschaft auf. Doch das Leben in der neuen Heimat war nicht immer einfach.


Jahre voller Schmerz, Einsamkeit und Wut


Während ihrer Schulzeit durchlebte Ann eine schwierige Zeit. Wegen ihres Namens, ihrer Herkunft und der Tatsache, dass ihre Eltern kein Englisch sprachen, wurde sie zur Zielscheibe von Mobbing. Von der fünften bis zur achten Klasse, erzählt sie, sei sie fast völlig allein gewesen. 

«Ich hatte keine Freunde, mit denen ich etwas unternehmen konnte. Ich war meistens allein. Und deshalb wurde ich sehr, sehr wütend.» 

In ihrem Herzen wuchs eine Frage, auf die sie keine Antwort wusste. Wenn es einen Gott der Liebe gebe, fragte sie sich, warum lasse er zu, dass ein Kind so viel Leid erfahren müsse? 

Der Glaube begann ihr wie ein Märchen zu erscheinen. Dann kam der Sommer 1981.


Ein Satz, der alles veränderte


Es war Samstag, der 27. Juni. Die Familie war in jenem Sommer zum ersten Mal gemeinsam in die Heimat gereist. Ann fuhr mit ihrem Vater und ihrer Schwester Angie nach Ljubuški. Dort traf ihr Vater einen Verwandten, den er seit 13 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Der Verwandte flüsterte ihm etwas zu. Ann und ihre Schwester beobachteten den Gesichtsausdruck ihres Vaters. 

«Mein Cousin hat mir gerade erzählt, dass die Muttergottes in Međugorje erschienen ist», sagte er ihnen. 

Ann hat diesen Moment nie vergessen. 

«Ich hatte buchstäblich das Gefühl, dass all die Wut in mir, all das Leid und all die Bitterkeit irgendwie aus meinem Herzen schmolzen. Es war, als wäre alles auf den Boden um mich herum gefallen. Es verschwand – einfach so.» Die Familie machte sich daraufhin auf den Weg nach Međugorje. 

«Ich liess mich einfach auf den Boden sinken und begann zu weinen» 

Auf dem Weg nach Međugorje sahen sie Menschenströme, die zu Fuss zum Hügel eilten. Anns Mutter Vida Vučić erinnert sich daran, wie Menschen bergauf rannten, ohne auf die Steine und das Gestrüpp zu achten. Dann knieten die Kinder nieder, die im Zentrum der Ereignisse standen. 

Für Ann selbst kam der entscheidende innere Wendepunkt jedoch in der Pfarrkirche St. Jakobus. «Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Menschen dort waren. Für mich war das ein Schock. Die Kirche war völlig überfüllt.» Sie fand einen kleinen Platz neben einer Bank.


«Ich liess mich einfach auf den Boden sinken. Und dann konnte ich meine Gefühle nicht mehr kontrollieren und begann einfach zu weinen.»


Erst Jahre später verstand sie, was damals in ihr geschehen war. «Durch die Muttergottes fand ich zum Glauben.» «Es war, als hätte die Muttergottes gesagt: Es ist Zeit, dass du gehst»


Auch Dr. Angelina Sontag berichtet von einer ähnlichen Erfahrung. Međugorje, sagt sie, habe in ihr jenen Glauben wieder geweckt, den ihre Eltern ihr in der Kindheit vermittelt hatten. 

«Die selige Jungfrau Maria war für mich gewissermassen eine Brücke zu Jesus und zu Gott. Sie war mein Trost.»

Besonders erinnert sie sich an den Moment, als sie nach mehreren Jahren der Distanz zum Glauben, wie sie es beschreibt, spürte, dass die Muttergottes sie zur Beichte führte.

«Es ist Zeit, dass du gehst.»

Für sie war dies eine Botschaft mütterlicher Nähe: Alles wird gut. Du bist geliebt.


Von einer Pilgerreise zu einer Lebensaufgabe


Ann wusste damals noch nicht, was Gott mit ihrem Leben vorhatte. Sie wusste nur, dass sie anderen Menschen helfen wollte, das kennenzulernen, was sie selbst erfahren hatte.

Eine Frau aus Chicago, die ebenfalls eine tiefgreifende Erfahrung im Zusammenhang mit Međugorje gemacht hatte, bat sie, ihre erste Pilgergruppe zu begleiten. Ann wusste nicht, ob es danach eine zweite Gruppe geben würde. Sie ahnte nicht, dass es später Dutzende und Hunderte sein würden.

«Gott zeigt einem nie, wie der Plan in zehn Jahren aussehen wird. Man geht Schritt für Schritt.»

So begann ihr jahrzehntelanges Wirken. Sie führte Menschen auch nach Lourdes und Fátima und besuchte andere bedeutende Wallfahrtsorte. Doch Međugorje blieb für sie etwas Besonderes.

«Hier in Međugorje gehen Menschen zur Beichte und verändern ihr Leben.»

«Man kann Gott nicht begegnen und derselbe Mensch bleiben»

Ann erzählt von Menschen, die nach ihrer Ankunft in Međugorje das erlebt hätten, was sie selbst als ihren «Vorher-und-nachher-Moment» bezeichnet. Denn eine echte Begegnung mit Gott müsse den Menschen verändern, sagt sie.

«Man kann eine Erfahrung mit Gott nicht machen und derselbe Mensch bleiben. Das verändert einen grundlegend und muss einen verändern.»

Solche Zeugnisse wurden Teil ihres Lebens. Einige stammen aus ihrem engsten Freundeskreis, andere von Menschen, denen sie auf ihren Pilgerreisen begegnete.


Von der Wall Street zum Priestertum


Eine besonders eindrückliche Geschichte ist jene von Pater Dan Reehil, der heute Priester und Exorzist in der Diözese Nashville ist. Vor seiner Bekehrung führte er ein völlig anderes Leben. Geld, Macht und Erfolg standen im Mittelpunkt. Während 22 Jahren hatte er keine Kirche betreten. 1998 kam er nach Međugorje. 

«Die Muttergottes hatte andere Pläne», erzählt er. 

Dort erlebte er eine tiefgreifende Bekehrung und beschloss, sein Leben Christus zu widmen. Er gab seinen bisherigen Lebensweg auf und trat in ein Priesterseminar ein. 

«Das hat mein Leben für immer in eine andere Richtung gelenkt.»


«Mach mich zu einer Menschenfischerin»


Eine ähnliche Geschichte erzählt auch Dr. Letty Medina. Sie wuchs in Texas auf und arbeitete als Tierärztin. Zum ersten Mal reiste sie nach Međugorje, nachdem sie erlebt hatte, wie ihre Eltern völlig verändert von dort zurückgekehrt waren. 1997 machte sie sich selbst auf den Weg. 

«Verändere mich! Ich möchte als ein anderer Mensch zurückkehren.» 

Sie sagt, ihr Gebet sei erhört worden. Heute arbeitet sie in der Seelsorge und engagiert sich im Apostolat der «Marianischen Busskrieger». 

«Ich habe oft gesagt: Mach mich zu einer Menschenfischerin. Und genau das bin ich heute.»  


Freundschaften, die zu einer geistlichen Familie wurden


Ann erzählt auch von vier Freundinnen, die für sie zu «zusätzlichen Schwestern in Christus» geworden seien. Verbunden habe sie Međugorje. Eine von ihnen lebt heute nicht mehr. Doch die anderen sind durch eine tiefe Freundschaft und ihren Glauben miteinander verbunden geblieben. 

«Wenn eine von uns durch eine Krise geht, sind die anderen da, um sie zu unterstützen. Das ist etwas Wunderschönes. Es ist wirklich eine heilige Freundschaft, weil Gott im Mittelpunkt von allem steht.» 

Einen ähnlichen Gedanken äussert Mary Beth Rogers: 

«Gott erwartet nie, dass wir diesen Weg allein gehen. Er bringt Freunde in unser Leben, die uns auf dieser Reise helfen.»



Als die Pilgerreise nicht für die Mutter, sondern für die Tochter bestimmt war


Cindy Wendt erinnert sich an eine ältere Frau, die ihr ganzes Leben davon geträumt hatte, nach Međugorje zu reisen. Sie nahm ihre Tochter mit, die von Anfang an sagte, sie wolle gar nicht dort sein. Doch während der Pilgerreise geschah etwas. Am Ende trat die Tochter unter Tränen zu Cindy. 

«Ich dachte, diese Reise sei für meine Mutter bestimmt gewesen. Aber sie war für mich. Ich musste hierherkommen.» 

Für Ann sind gerade solche Geschichten der Grund, warum sie weitermacht. «Es gibt nichts Schöneres im Leben.»


Ihr Zeugnis reicht heute über die Pilgergruppen hinaus. Gemeinsam mit der Hollywood-Produzentin Holly Carney, die unter anderem am Film «Fatima» mitgearbeitet hat, engagiert sich Ann in Filmprojekten rund um Međugorje.Carney war zunächst skeptisch. Sie hatte Fragen und Zweifel. Doch nachdem sie zum ersten Mal nach Međugorje gekommen war, veränderte sich ihre Sicht.

Heute bezeichnet Ann sie als ihre Schwester und eine ihrer besten Freundinnen.

Gemeinsam arbeiten sie an einem Projekt, das die Geschichte von Međugorje einem möglichst breiten Publikum näherbringen soll.

«Kommt und erlebt es selbst! Kommt und trinkt aus der Quelle!», lautet Carneys Botschaft.


Von Cerno nach Chicago – und zurück nach Međugorje 

Anns Lebensmittelpunkt ist heute Chicago. Doch ihr Gefühl von Heimat ist in der Herzegowina geblieben.

Cerno und Međugorje sind für sie nicht nur Orte ihrer Kindheit. Sie stehen für Identität, familiäre Wurzeln und für den Ort, an dem sie, wie sie selbst sagt, das gefunden hat, wonach sie als Mädchen so lange gesucht hatte.

«Wenn ich hierherkomme, habe ich das Gefühl, dass meine Seele atmet.»

In diesem einen Satz liegt vielleicht ihre ganze Geschichte. Ein Mädchen, das als Kind die Herzegowina verliess, in Amerika aufwuchs und Jahre voller Einsamkeit, Wut und unbeantworteter Fragen durchlebte, kehrte nach Međugorje zurück und fand dort, wie sie selbst bezeugt, zum Glauben.

Danach begann sie, ihr Leben in den Dienst anderer zu stellen.

«Alles, was ich tue, ist eigentlich ihr Werk. Ich bin nur eine ausgestreckte Hand. Und nichts weiter.»

Vielleicht endet ihre Geschichte gerade deshalb nicht in Međugorje. Sie setzt sich von dort aus fort – in Chicago, in den Vereinigten Staaten und bei all jenen Menschen, die ihren ersten Schritt auf dem Weg zum Glauben noch vor sich haben.

Schritt für Schritt.

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