Ihre Eltern und Grosseltern wanderten auf der Suche nach einem besseren Leben nach Kanada aus. Heute träumen ihre Kinder und Enkel zunehmend von Kroatien. Hohe Lebenshaltungskosten, die angespannte Wohnsituation und ein hektischer Alltag verändern die Stimmung innerhalb der kroatischen Gemeinschaft in Vancouver. Viele denken über eine Rückkehr nach, junge Menschen möchten die kroatische Staatsbürgerschaft erwerben – und eine Familie hat ihren Traum bereits verwirklicht: Sie lebt wieder in der alten Heimat.
Vancouver zählt zu den begehrtesten Städten der Welt. Doch für viele Kroaten hat die Stadt ihren früheren Reiz verloren. Hinter dem hohen Lebensstandard stehen steigende Ausgaben, ein Gefühl wachsender Entfremdung und ein Alltag, der immer weniger Zeit für Familie und persönliche Beziehungen lässt.
Darko Jelić, Präsident des Fussballvereins NK Croatia Vancouver, reist gemeinsam mit seiner Frau immer häufiger nach Kroatien. Seinen Wunsch, eines Tages zurückzukehren, macht er nicht zum Geheimnis.
«Meine Eltern sind hierhergekommen, weil es dort schwierig war. Jetzt wollen wir alle zurück. Warum? Etwas zieht uns dorthin. Und jetzt sag du mir, warum!», sagt Jelić. Seine Frau Kristiana ergänzt, dass Darkos Herz in Kroatien regelrecht aufblühe.
Mit diesem Gefühl sind die beiden nicht allein. Auch andere Mitglieder der kroatischen Gemeinschaft sehnen sich nach der alten Heimat.
«Ich sage immer: In Kroatien lebt es sich besser. Man kann spazieren gehen. Hier dreht sich alles im Kreis: arbeiten, nach Hause kommen, kochen, schlafen – und am nächsten Tag beginnt alles von vorn!», sagt Mimi Švorinić, die in Kanada geboren wurde.
Ihr Mann Ivo, der 1968 nach Kanada kam, fasst seine Gefühle in wenigen Worten zusammen: «Ich bin hier, aber eigentlich bin ich dort. Dort bin ich …»
Auch Zvonimir und Kristina Aničić denken über eine Rückkehr nach Kroatien nach. Einer ihrer Söhne ist bereits dorthin gezogen. Nun soll ihm nach und nach der Rest der Familie folgen.
«Das Leben hier ist sehr teuer geworden. Meiner Meinung nach beginnen die Menschen wieder, die einfachen, schönen Dinge des Lebens zu schätzen – Dinge, die ihnen heute fehlen», sagt Zvonimir Aničić, Vertreter Kanadas im Rat der kroatischen Regierung für Kroaten ausserhalb der Republik Kroatien.
Kristina sind es vor allem die kleinen Begegnungen im Alltag, die ihr in Kroatien besonders nahegehen.
«Man geht an jemandem vorbei, und junge Leute, Kinder – so alt wie meine eigenen – sagen ‹Guten Abend› oder ‹Guten Tag›. Da kommen mir die Tränen. Hier schaut dich niemand auch nur an», erzählt sie.
Immer mehr Nachkommen kroatischer Auswanderer möchten ihre Verbindung zur Heimat ihrer Vorfahren stärken und die kroatische Staatsbürgerschaft erwerben.
Der kroatische Honorarkonsul Manjot Hallen berichtet, dass er täglich Anfragen von Menschen kroatischer Abstammung erhält, die wissen möchten, ob sie Anspruch auf die kroatische Staatsbürgerschaft haben. Doch in Vancouver gibt es kein Generalkonsulat der Republik Kroatien. Die bestehenden konsularischen Sprechtage reichen nicht aus, um den Bedarf der Gemeinschaft zu decken. Zudem ist der Honorarkonsul nicht befugt, sämtliche konsularischen Dienstleistungen anzubieten. Gleichzeitig intensivieren sich die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Kroatien und Kanada. Das Interesse an kroatischen Produkten, geschäftlichen Kontakten und dem Erlernen der kroatischen Sprache nimmt zu.
Trotz der grossen Entfernung ist die kroatische Identität in Vancouver fest verankert. Im Kroatischen Kulturzentrum, das 1986 dank des Engagements und der Opferbereitschaft kroatischer Auswanderer errichtet wurde, lernen jüngere Generationen die kroatische Sprache, tanzen Folklore und pflegen die Traditionen ihrer Vorfahren.
«Es macht stolz, zu sehen, wie sie die Sprache lernen und wissen, woher ihre Grosseltern stammen», sagt Ante Pocrnić, Mitglied der Vereinigten Kanadier kroatischer Herkunft. Kroatischunterricht, das Folkloreensemble Hrvatski vitezovi, Kulturvereine und die kroatische katholische Pfarrei tragen dazu bei, die Verbindung zur Heimat lebendig zu halten.
Eine zentrale Rolle im Leben der kroatischen Gemeinschaft spielt die Pfarrei des Unbefleckten Herzens Mariens. Sie bringt Menschen aus verschiedenen Regionen Kroatiens zusammen und hilft ihnen, ihre Verbindung zu den kroatischen Wurzeln zu bewahren.
Pfarrer Slaven Milanović Litre betont, dass Vancouver eine Stadt der Vielfalt sei, in der die kroatische Gemeinschaft zugleich eng mit ihrer Heimat verbunden bleibe.
«Vancouver ist eine Stadt der Vielfalt, in der Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft leben. Unsere Pfarrei vereint auch die Vielfalt des kroatischen Volkes. Wir kommen aus allen Regionen, in denen Kroaten leben», sagt fra Slaven.
Glaube, Sprache, Kultur und Gemeinschaft helfen den Auswandererfamilien seit Generationen, ihre Verbundenheit mit Kroatien zu bewahren und an die nächste Generation weiterzugeben. Einst wanderten Kroaten nach Kanada aus, um sich und ihren Kindern eine bessere Zukunft aufzubauen.
Heute entdecken ihre Nachkommen zunehmend die alte Heimat neu. Für manche ist Kroatien längst mehr als das Land ihrer Vorfahren – es ist der Ort, an dem sie ihre eigene Zukunft sehen.