Am Vorabend des Tages des Sieges haben die kroatischen Kriegsveteraninnen Mirna Šitum und Marija Lišnić an ihre Erfahrungen während des Heimatkrieges erinnert. Beide waren im Sanitätsdienst tätig und berichteten über ihren Einsatz, prägende Erlebnisse und die oftmals wenig sichtbare Rolle der Frauen während des Krieges.
Mirna Šitum, Mitglied der 4. Gardebrigade und heute Mitglied der Kroatischen Akademie der Wissenschaften und Künste, erklärte, dass die Feierlichkeiten zum Tag des Sieges bei ihr Stolz und Freude, zugleich aber auch Erinnerungen an die zahlreichen Opfer hervorriefen.
Marija Lišnić, die dem Sanitätsdienst der 106. Brigade angehörte, sagte, sie empfinde einen ausserordentlichen Stolz darüber, Teil der kroatischen Geschichte gewesen zu sein.
«Solange ich beim Text ‹Es ist kein gewöhnlicher Stoff› noch Gänsehaut bekomme, werde ich wissen, dass ich das Richtige getan habe», sagte Lišnić.
Lišnić war in der 106. Brigade als Krankenschwester im Feldeinsatz tätig. Da es damals nur wenige entsprechend ausgebildete Fachkräfte gab, absolvierte sie eine kurze Grundausbildung und wurde unmittelbar danach ins Einsatzgebiet geschickt.
Auch Mirna Šitum übernahm früh grosse Verantwortung. Sie war zunächst Kommandantin einer Sanitätsgruppe innerhalb eines Bataillons. Später leitete sie den Sanitätsdienst der Brigade sowie die medizinischen Stationen an den Rückzugswegen auf den Schlachtfeldern im Süden Kroatiens. Als junge Ärztin konnte sie dabei auf jene Kenntnisse zurückgreifen, die sie zuvor im medizinischen Notfalldienst in Split erworben hatte.
Für Marija Lišnić war ein Ereignis in Osijek ausschlaggebend für ihre Entscheidung, sich der kroatischen Nationalgarde anzuschliessen.
Am 27. Juni 1991 verliessen Panzer die sogenannte Weisse Kaserne in Osijek. In Erinnerung blieb insbesondere die Szene, in der ein Panzer einen roten Fiat 500 – den später als «Crveni fićo» bekannt gewordenen Wagen – überrollte.
Für Lišnić wurde dieser Tag zum persönlichen Wendepunkt.
«Wir empfanden Angst, Wut und Hilflosigkeit. Das war der Auslöser für meine Brüder, für mich und für viele unserer Freunde. Wir konnten die Ungerechtigkeit und die ständige Einschüchterung durch die JNA nicht mehr ertragen», erinnerte sie sich.
Besonders tief habe sich ein Einsatz aus dem Jahr 1991 in ihr Gedächtnis eingeprägt. Lišnić wurde nach Ivanovac geschickt, um einen verwundeten Angehörigen der kroatischen Nationalgarde zu bergen.
Auf dem Weg zu ihm musste sie ein Feld überqueren, das dem Feuer von Scharfschützen ausgesetzt war. Erst später stellte sich heraus, dass dieses Gebiet zudem vermint gewesen war.
Doch damit war die Gefahr nicht vorbei. Ein bewaffneter Mann bedrohte sie und verlangte, dass sie seinen toten Freund in den Krankenwagen aufnehme.
Es sind Erlebnisse wie dieses, die für Lišnić bis heute untrennbar mit ihrer Zeit im Krieg verbunden sind.
Mirna Šitum konnte dagegen keinen einzelnen Moment nennen, der für sie stellvertretend für ihre Kriegserfahrungen stehen könnte.
Zu viele Erlebnisse hätten sich tief in ihr Gedächtnis eingeprägt: die Erinnerung an jeden Verwundeten, der überlebte, an Gefallene, die sie aus Minenfeldern bergen musste, ebenso wie an Gefangene, die nach einem Gefangenenaustausch in Empfang genommen wurden.
Ihre Erinnerungen machen zugleich deutlich, welchen Belastungen das medizinische Personal während des Krieges ausgesetzt war. Ärzte, Krankenschwestern und andere Angehörige des Sanitätsdienstes mussten ihre Aufgaben oftmals unmittelbar im Kampfgebiet und unter Lebensgefahr erfüllen.
Šitum verwies auch auf die Dimension des Einsatzes kroatischer Frauen während des Heimatkrieges.
Nach den von ihr genannten Angaben stellten Frauen rund fünf Prozent der kroatischen Verteidiger. Insgesamt waren es mehr als 25'000 Frauen. 766 von ihnen kamen ums Leben, fast 2'000 wurden zu schweren Kriegsinvalidinnen.
Šitum betonte jedoch, dass der Beitrag der Frauen nicht allein anhand jener Frauen beurteilt werden könne, die offiziell den kroatischen Streitkräften angehörten.
«Das Opfer der Frauen war enorm – nicht nur jenes der Frauen, die an der Front, in der Logistik oder im Sanitätsdienst tätig waren, sondern auch jenes der Zivilistinnen, die sich während des Krieges um Kinder, ältere Menschen und Hilfsbedürftige kümmerten», sagte Šitum.
Damit erinnerte sie auch an eine Gruppe, die in der öffentlichen Wahrnehmung des Krieges oftmals weniger sichtbar ist: Frauen, die nicht unmittelbar an Kampfhandlungen beteiligt waren, während des Krieges jedoch Familien versorgten und Verantwortung für Kinder, ältere und hilfsbedürftige Menschen übernahmen.
Marija Lišnić berichtete zudem über die Arbeit des Vereins der Kriegsveteraninnen der Gespanschaft Osijek-Baranja. Der Verein sammelt Informationen über gefallene und vermisste kroatische Kriegsveteraninnen. Ziel ist es, ihre Schicksale zu dokumentieren und dafür zu sorgen, dass der Beitrag der Frauen während des Heimatkrieges angemessen festgehalten und gewürdigt wird.
Auch mehr als drei Jahrzehnte später sind noch nicht alle Schicksale geklärt.Nach den im Beitrag genannten Angaben gelten 33 kroatische Kriegsveteraninnen aus dem Heimatkrieg weiterhin als vermisst.
Für Šitum und Lišnić ist die Erinnerung an den Krieg deshalb nicht allein mit dem Stolz auf den kroatischen Sieg verbunden. Sie ist zugleich Erinnerung an Verwundete und Gefallene, an vermisste Menschen und an die vielen Frauen, deren Beitrag zum Krieg weit über ihren Einsatz an der Front hinausging.