Illustration (Foto: Pixabay) Illustration (Foto: Pixabay)

Seit einigen Wochen finden in Deutschland zahlreiche Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen statt. Von Spaziergängen mit wenigen Dutzend bis hin zu Großdemonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern sind etliche kleine und große Städte vertreten. Ein Grundrecht, von dem die Menschen Gebrauch machen, weil sie andere Grundrechte in Gefahr sehen. Eine Gefahr, so sagen andere wiederum, seien aber gerade  die Demoteilnehmer, die aufgrund großer Versammlungen eine erneute Corona-Welle fahrlässig in Kauf nehmen oder mitunter an der Existenz des Virus zweifeln. Eine gemeinsame, ausgewogene Debatte scheint kaum mehr möglich, werden gar Mediziner der Unwissenheit (so Virologe Prof. Dr. Christian Drosten in einem Videobeitrag für das Bundesgesundheitsministerium vom 16. April 2020) bezichtigt oder Demonstranten unter anderem als „Spinner und Wirrköpfe“ (so etwa ARD Chefredakteur Rainald Becker in einem ARD-Tagesthemen-Kommentar am 6. Mai 2020) bezeichnet. Umgekehrt gewinnt man den Eindruck, nimmt man die Ängste der anderen um die Gesundheit nicht ernst, sei es durch fehlende Rücksichtnahme oder auch Bagatellisieren der Viruserkrankung („Nicht schlimmer als eine Grippe“). Mit drei Deutsch-Kroaten aus Köln habe ich über deren ganz persönliche Meinungen zu den Corona-Maßnahmen in Deutschland sowie über ihre persönlichen Ängste in der Pandemie und ihre Ansichten zu den Demos gesprochen.

Das erste Gespräch erfolgte mit Marija Zrno, Hausfrau und Mutter zweier Kinder, gelernte Bankkauffrau, derzeit in Elternzeit. Nachfolgend unterhielt ich mich mit Marko S.*, Lehrer, und abschließend sprach ich mit Filip M.*, leitende Position in der Finanzberatung.

*(Namen von der Redaktion geändert, die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt)

 

Meine drei Gesprächspartner waren sich darüber einig, dass die in Deutschland ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zunächst sinnvoll waren, Filip M. bewertet sie bis zum jetzigen Zeitpunkt als sehr gut, da Deutschland seiner Meinung nach „einen guten Mittelweg gefunden hat, um den Menschen immer noch ein halbwegs soziales Leben zu ermöglichen… und nicht, wie in anderen Ländern… mit drastischen oder auch mit drakonischen Strafen irgendwelche Ausgangssperren belegt…“.  Er betonte außerdem, dass es ihm sehr gut gefällt, dass Deutschland „alles mit in Betracht gezogen hat, sowohl wirtschaftlich, als auch das Gesundheitssystem, als auch das soziale Miteinander…einhergehend mit dann auch sehr schnell formulierten Unterstützungsmaßnahmen für diverse Bereiche, die natürlich davon stark betroffen sind". Marija Z. und Marko S. zweifeln hingegen die Verhältnismäßigkeit mancher Maßnahmen inzwischen stark an. Marija Z. gab hier beispielsweise die eingeführte Maskenpflicht zu bedenken, nachdem es zunächst wochenlang seitens des RKI und der Politik geheißen hatte, dies sei nicht hilfreich. Angst mache ihr dabei, „dass man dann Experten sagen höre, dass die Pandemie gar nicht so schlimm ist, aber das Tragen von einer Maske einen krank macht, durch das Einatmen von CO², durch den Mangel an Sauerstoff, dadurch, dass Keime sich unter nassen, feuchten Masken viel schneller verbreiten…“. Sie fragt sich „Warum werd` ich krank gemacht, obwohl ich gerade gesund bin?“. Auch sorgt sich Marija Z. um steigende Todeszahlen aufgrund von Vereinsamung oder Suiziden. Besonders verängstigen sie zukünftige mögliche Maßnahmen wie eine Impfpflicht oder den durch den deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn vorgeschlagenen Immunitätsnachweis. Zwar wurden diese Punkte „aktuell vielleicht ausgeschlossen“, aber immerhin, so Marija Z., habe es zuletzt auch die gesetzliche Einführung einer Masernimpfpflicht in Deutschland gegeben. Krebserregende Inhaltsstoffe und durch Bill Gates finanzierte Impfkampagnen mit tragischen Verläufen geben Marija Z. zu denken. Marko S. beklagt „unverhältnismäßige Eingriffe in die Freiheit“, dass etwa „Leute von Parkbänken weggescheucht werden“ sowie das Picknick- oder Grillverbot. „Diese Sachen leuchten mir nicht ein und haben bis heute Bestand.“, so Marko S..

Die bundesweit beschlossenen Lockerungen der Maßnahmen halten alle drei für angemessen, unter anderem im Hinblick auf den Pandemieverlauf als auch bezüglich der Normalität, die man sich zurückwünscht. Mit der Umsetzung der Maßnahmen hingegen zeigten sich die Herren in der Runde nicht sehr zufrieden. Filip M. befürchtet hier einen „Wettstreit“ der Lockerungen und wünscht sich eine auch regional unterschiedliche Betrachtung entsprechend der Lage. Marko S. beklagt „absurde Anforderungen, die an die Lockerungen geknüpft sind“. So muss er als Lehrer beispielsweise tagesaktuell Listen führen, „wann wer auf`s Klo geht, wo wer sitzt“. „Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass das totaler Schwachsinn ist, weil die Schüler eh eineinhalb Meter voneinander entfernt sind. Warum muss man mir dann die Arbeit noch erschweren mit diesen Listen?“ Ebenso unverständlich sind seines Erachtens entsprechende Auflagen in Gastronomiebetrieben oder Tanzkurse mit Maske. Auch Marija Z. hält die Lockerungen aufgrund der Zahlen für angemessen und fügte noch hinzu, „…unser Gesundheitssystem ist nicht eingestürzt, ganz im Gegenteil, es sind viele Mitarbeiter des Gesundheitssystems in Kurzarbeit gegangen oder haben lustige Videos gedreht vor lauter Langeweile…  wir müssen sterben,… der, der ein geschwächtes Immunsystem hat, der stirbt genauso an der Grippe 2019 wie an dem Coronavirus 2020. So sehe ich das.“.

Keiner der Gesprächspartner hat bislang an einer Demo gegen die Corona-Maßnahmen teilgenommen, Marija Z. befürwortet diese jedoch und findet es wichtig, „seinen Unmut oder seinen Ärger oder seine Traurigkeit über bestimmte Verhältnisse, Regierungen, Aussagen, Verpflichtungen, Gesetze kundzugeben“. Marko S. hat „großen Respekt vor den Menschen, die an den Demos teilnehmen“, verfolgt die Bilder der Demos genau und vergleicht diese dann mit der Berichterstattung, z.B. der Öffentlich-Rechtlichen, und versucht sich so, sein Bild zu machen. Filip M. hingegen erachtet die Demos als „völlig überflüssig, weil von Beginn an Deadlines…  gesetzt worden sind mit der Aussicht auf Lockerungen und das unter einer Betrachtung der Gesamtsituation. …Ich habe keinen Grund dafür, der Politik irgendwie eine Inkompetenz zuzusprechen, dass sie nicht in der Lage sind, neben dem Bevölkerungsschutz auch das gesamte politische und wirtschaftliche Geschehen in Betracht zu ziehen.“. Er findet, dass auch hier ein guter Mittelweg gefunden wurde. Die Lockerungen wären seiner Meinung nach auch ohne die Demos erfolgt. Es sei auch im Interesse der Regierung, dass wieder eine Normalität entsteht.

Die Vorwürfe, Maßnahmen-Kritiker oder Demoteilnehmer seien Verschwörungstheoretiker, Corona-Leugner oder politisch radikal oder gar extremistisch, halten alle drei für ungerechtfertigt. Filip M. merkte dazu an, „weil ich nicht alle Motivationsgründe der Demonstranten kenne, von daher kann man sie nicht per se in diese Richtung schieben.“. Auch wenn er es menschlich nachvollziehen könne, dass man sich in seiner Freiheit eingeschränkt fühlt oder…, weil man besonders stark von den Maßnahmen betroffen ist, sieht er aufgrund des Bevölkerungsschutzes und den avisierten Lockerungen keine Notwendigkeit, zu demonstrieren. Auch wäre es schwierig, jeden einzelnen zufriedenzustellen. Jedoch befürchtet er einen Missbrauch durch tatsächlich radikale Kräfte, die sich „in sowas ja ganz gerne reinschleichen“. Man solle jenen keine Plattform bieten. Das gut gemeinte ginge so schnell verloren. Viele fingen an mit Schubladendenken. Auch Marija Z. bemängelt „…alle in eine Schublade zu stecken, … das macht ja die Presse… wirft alles unter einen Topf oder reiht alles in einem Satz mit auf: Verschwörungstheoretiker, Corona-Leugner und Rechtsradikale.“. Und dass es Menschen gibt, die zumindest „Corona-Anzweifler“ seien, könne sie aufgrund so vieler widersprüchlicher Handlungen der Politiker, etwa das Maskentragen nur vor der Kamera oder keiner Einhaltung des Mindestabstands sowie Körperkontakt nachvollziehen: „Dass man sich dann denkt, ok, was ist nun mit der Pandemie? Ist die nun echt oder nicht?“. Auch Marija Z. unterstellt der Masse der Demonstranten gute Absichten und meint „viele Leute haben einfach Angst, dass sie ihre Jobs verlieren, dass ihre Kinder nicht in Betreuung kommen, dass sie sich impfen lassen müssen,…“. Sie fragt sich „Wann hört es auf? Wo fängt unsere Selbstbestimmung an? Und bis wohin darf die Regierung noch eingreifen?“ Marko S. bringt die Problematik einer vorschnellen Verurteilung gut auf den Punkt: „Man klebt dem Meinungsgegner ein Etikett auf die Stirn, … und muss sich dann nicht inhaltlich auseinandersetzen mit seinen Aussagen. Genau dasselbe könnte ich machen mit den Befürwortern der Härte der Maßnahmen, der Stay-Home-Bewegung usw. Ich könnte Nominalisierungen finden und denen ein Etikett auf die Stirn kleben, z.B. …“vorauseilenden Gehorsam“, „Meinungsdiktatur“, „Systemknechte“, die ein „Schafsherdenverhalten“ an den Tag legen, es sind „Untertanen“ und „Duckmäuser“… und schon hätte ich den Spieß umgedreht… und dann muss ich mich mit ihren Argumenten dann inhaltlich nicht auseinandersetzen.“

Von meinen Gesprächspartnern wollte ich außerdem wissen, was sie sich von der Politik wünschen. Marija Z. sagte dazu: „Das, was ich mir wünsche, lässt sich durch keine Politik klären, das kann keine Politik wahrmachen. Dazu müsste die Politik verschwinden. Ich wünsche mir, dass Frieden auf dieser Erde herrscht, dass keine Kriege herrschen,… ständig werden wir in Angst gehalten. Andere Leute haben die Waffen und wir nicht. Welche ich auch gar nicht will, aber ich will auch nicht, dass andere Menschen sie haben. … Es graust mir, dass jemand anderes mehr Befugnis, mehr Recht hat über mich und meinen Körper als ich selber.“. Marko S. würde sich von der Politik wünschen, „dass sie besser ihre Hausaufgaben machen, was die Maßnahmen angeht, sich genau überlegen, wenn es einen Freiheitseingriff gibt, was sind die Alternativen, ist es sinnvoll, wird es gut erklärt (Stichwort „Picknick“ usw.)…also dass die Maßnahmen evaluiert werden…Beispiel Schule: hier verfolgt man Maßnahmen des Ministeriums, die Schulleitungen trauen sich aber dem Ministerium keine Rückkoppelungen zu geben für etwas, das nicht läuft, weil man vor dem Ministerium gut dastehen will. Ein System, das unbefriedigend ist.“. Filip M. hingegen findet, dass auf Bundesebene alles gut durchdacht wirkt, auf Landes- und Kommunalebene würde er sich eine differenziertere Vorgehensweise wünschen, jedoch ohne einen Wettlauf zwischen den Bundesländern.

Die gesellschaftlichen Reaktionen erachtet Filip M. größtenteils als „Jammern auf hohem Niveau“ und würde sich wünschen, „dass man das eigene Wohlbefinden… in Bezug auf die Gesamtsituation… ein bisschen zurückstellt, …um das große Ganze gemeinsam zu bewältigen“. Ein gemeinsames Vorgehen wünscht sich auch Marko S., eine „offene Diskussion… ohne diese Etiketten, die man anklebt… und andere Meinungen zuzulassen, sich reinzuversetzen auch in andere Meinungen…Empathie denen gegenüber, wo die Existenzen jetzt wegbrechen“. Marko S. wünscht sich eine Solidarität, nicht nur bezüglich „der viralen Ansteckung, sondern auch wirtschaftlichen, sozialen und psychologischen Perspektiven… die mit Kindern stattfinden…“. Marija Z. bemängelt ebenfalls „immer ist irgendein Problem zwischenmenschlich“. Sie wünscht sich, „dass die Leute aufwachen und merken, woran das eigentlich liegt…was uns eigentlich wirklich stresst, woher diese Streitereien kommen“. Sie meint, dies komme „ganz häufig aus Angst“ und fragt sich „Woher kommt eigentlich diese ganze Angst und …Wut in diesen ganzen Menschen?“.

Die größte Gefahr der Pandemie sieht keiner der drei in dem Virus selbst. Marko S. sieht die Gefahr vor allem darin, dass keine Risikoabschätzung der Folgen der Maßnahmen erfolgt. Er hat Angst, dass das Vertrauen in die Exekutive so zunehmend sinkt und die Gesellschaft insgesamt instabiler wird. Auch Filip M. und Marija Z. befürchten eine Spaltung der Gesellschaft und sehen dies als größte Gefahr dieser Krise. Marija Z. erwähnte zudem noch die Sorge um eine Vereinsamung der Menschen, dass viele ein Problem mit dem Alleinsein haben. Filip M. sieht in der aktuellen Entwicklung zudem eine zunehmende Radikalität bei den Menschen. Er ist der Meinung, dass einige die Maßnahmen - aufgrund erfolgreich verhinderter Horrorszenarien durch die Regierung - anzweifeln und sich daher „die Geister scheiden“.

Es waren sehr angenehme und interessante Gespräche. Eine Aussage von Marija Zrno ist mir jedoch besonders im Kopf geblieben: „Es wurden Indianer vertrieben, es wurden Schwarze versklavt, es wurden Juden vergast, es wurden zwei Weltkriege geführt, die die Masse bestimmt nicht wollte. Es wurden noch so viele Kriege geführt, ich meine, ich bin ein Kriegsflüchtling aus Kroatien. Und das alles aufgrund von Lügenpropaganda, von korrupten und gestörten Politikern. Menschen,…, die einen Waffenexport unterschreiben, unterschreiben, ab morgen darf das…Land, die… Stadt beschossen werden. Es gibt böse Menschen. Es gibt Menschen, die es nicht mit jedem gut meinen und deswegen kann ich mir schon sicher sein, dass es Menschen gibt, die sich gegen andere verschwören. Also wie kann man behaupten, es gäbe keine Verschwörungen? Und wie kann man sich sicher sein, dass es niemals eine Verschwörung gegen einen selbst geben wird, meinetwegen auch gegen die komplette Menschheit?“. Dies mag in manchen Ohren absurd, vielleicht auch hysterisch klingen und zunächst irrelevant erscheinen. Es gilt jedoch, sich mit allen Fragen auseinanderzusetzen. Denn entweder hat die Aufklärung nicht funktioniert oder an solchen Befürchtungen ist eben doch etwas dran. Die Frage darf nicht lauten, wer Fragen stellt, sondern einzig und allein, welche.  Nicht die Bürger müssen sich rechtfertigen für ihre Fragen, die Regierung muss es tun für ihr Handeln und Fragen beantworten.

Ich schätze keinen dieser Gesprächspartner als radikal ein und bin fest davon überzeugt, in einer gemeinsamen Runde wären ebenfalls fruchtbare und respektvolle Gespräche trotz unterschiedlicher Meinungen entstanden. Wieso also scheint dies in der Öffentlichkeit nicht zu funktionieren? Wir Medien müssen nicht den Bürgern, sondern vor allem den Politikern auf die Finger schauen. Schließlich sind wir keine PR-Agentur der Regierung. Und es wird Zeit, dass auch die Politiker dazu in der Lage sind, sich mit jedem Gegenüber ordentlich auszutauschen, ohne Gräben in der Gesellschaft zu ziehen. Und ja, es ist an der Zeit, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen. Mögen sie noch so unangenehm sein. Es reicht nicht, zu sagen, wem die Menschen trauen dürfen und wem nicht. Auch reicht es nicht, andere zu degradieren. Wer so große Verantwortung trägt, muss (sich) unangenehme(n) Fragen stellen!