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Ungarn ist ein Land, das zusammen mit seinen geografisch-politischen Nachbarstaaten und deren Völker eine gemeinsame Historie schreibt. Es zählt zu den Ländern, in dem schon Jahrhunderte lang ethnische Minderheitsgruppen leben und dessen Staatseinrichtung von der Präsenz ethnischer Gruppen geprägt ist. Gemäß dem Verfassungsgesetz aus dem Jahre 1993 über die Rechte nationaler und ethnischer Minderheiten, zählt zur Minderheit jede Volksgruppe, die auf dem Landesgebiet Ungarns mindestens 100 Jahre lang wohnhaft ist, die im Vergleich zur Bevölkerungszahl eine deutliche Minderheit vorweist, deren Mitglieder ungarische Staatsangehörige sind, sich jedoch von den anderen Bevölkerungsgruppen durch eine autochthone Sprache, Kultur und Tradition unterscheiden und dennoch über das Bewusstsein der Zugehörigkeit verfügen.

Da Kroaten und Ungarer durch eine gemeinsame Vergangenheit und eine europäische Gegenwart verbunden sind, werden die Kroaten in Ungarn als eine angesehene nationale und ethnische Minderheit gesehen. Die Kroaten sind seit dem Mittelalter in Ungarn angesiedelt. Nach Ungarn kamen sie zu verschiedenen historischen Ären, größten Teils in Flüchtlingswellen, vor allem zur Zeit der Osmanischen Eroberungen im Zeitraum vom 15. bis zum 17. Jahrhundert und auch später. Auf der Suche nach Arbeit oder Bildung, haben sie sich auf Landbesitzen, sowie in Großstädten niedergelassen. 

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Obwohl Kroaten und Ungarer in der Vergangenheit schwerwiegende wirtschaftliche Gegebenheiten und Naturkatastrophen teilten, beginnt mit dem 21. Jahrhundert eine modernere Zusammenarbeit, wie zum Beispiel im Tourismus. In Vlašić auf der Insel Pag eröffnete 2005. der Bildungs-/Kulturverein, den die kroatische Regierung als Immobilieneigentümer der kroatischen Gemeinde in Ungarn zum Verwendungszweck für 20 Jahre übergab.

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Das Objekt bietet Raum für 150 Gäste und besteht aus Zimmern, Apartments, einer Küche, einem Parkplatz, sowie etlichen anderen Inhalten. In dem Erholungsort auf Pag werden schon seit Jahren diverse Programme organisiert - von bildungsfördernden bis hin zu ökologischen und folkloristischen. Das Center ist sehr wichtig für die kroatische Minderheitsgruppe in Ungarn, da dort vor allem den Jugendlichen die kroatische Sprache und Kultur vermittelt wird. Um die Bindung Kroatiens mit Ungarns mittels des Tourismus zu fördern, wurde in Szombathely im Jahre 2000. zum ersten Mal der "Tag der Kroaten in Ungarn" gefeiert und wird seitdem jährlich traditionell in unterschiedlichen Regionen zelebriert. 

Auf einer dreitägigen Manifestation in Budapest wurde im Frühjahr 2017. zum ersten Mal das Projekt "Der kroatische Marktplatz" eingeführt. Etwa 30 Hersteller aus den verschiedensten Regionen Kroatiens, wie Dalmatien, Slawonien, Istrien, der Kvarner Bucht, sowie aus dem Landesinnern haben dort ihre Produkte vorgestellt. Die Manifestation erzielte positive Resonanzen bei den Budapestern, die oft auf dem Nagy Vasarcsarnok Markt einkaufen. Auch Touristen besuchen diese historische Attraktion gerne. Der Marktplatz ist seit dem Entstehungsjahr 1896. unverändert geblieben.

Das Projekt wirbt für den kroatischen Tourismus und die kroatische Gastronomie, somit wurden für diesen Zweck traditionelle Lebensmittelprodukte aus Kroatien importiert, wie zum Beispiel die Presswurst Kulen, Schinken, Speck und Grieve, Konserven-Fisch und Gemüse, Marmeladen, Käse, Oliven- und Kürbiskernöl, Weine, Liköre, Honig, Gewürze, sowie Hanfprodukte. Die Manifestation eröffnete der kroatische Tourismusminister Gari Cappelli. Der Minister erklärte den Zweck der Manifestation: die Förderung kroatischer traditioneller Speisen als Teil des Tourismusangebots. Dieses bekommt von ungarischen Touristen immer mehr Anerkennung. 

Wie viele Kroaten leben in Ungarn? 

Laut der Statistiken der offiziellen Seite des Landesbüros für Kroaten außerhalb der Republik Kroatien, haben sich seit den letzten Einwohnerangaben aus 2011., 26.774 Personen als Kroaten untergeordnet. Geschätzt leben heute in Ungarn etwa 50.000 Kroaten, die verteilt sind in verschiedenen Regionen und sich in kroatische ethnische Gruppen unterteilen. 

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Im Übermurgebiet leben übermur Kroaten, in Podravina podravische Kroaten, wohingegen sich die meisten Kroaten aus Baranja in den Städten Sieglos, Mohatsch und Pécs ansiedelten. Die beliebte touristische Attraktion der Stadt Mohatsch ist der sogenannte "Marsch", der altertümliche Fastnachtsbrauch der Kroaten, dessen Wurzeln noch in den heidnischen Glaubenszeiten liegen. Den Brauch verfolgen auch heute noch Christen, die sich am Aschermittwoch mit alten traditionellen Masken und Lammfell verkleiden. Die Legende besagt, dass die Osmanen die Stadt Mohatsch einnehmen wollten, sie jedoch von fürchterlichen maskierten Gestalten mit Haukeulen angegriffen und somit gehindert wurden. Den urheimatlichen Brauch brachten die Kroaten aus Mohatsch durch ihre Ansiedelung Anfang des 17. Jahrhunderts. Der "Mohatscher Marsch" ist das erste ungarische Weltkulturerbe welches 2009. den UNESCO Titel verliehen bekam. 

In der Stadt Pécs und seiner Umgebung leben bosnische Kroaten, bekannt als die Bosnier aus Baranja oder bosnische Kroaten, die aus Bosnien im 16. und 17. Jahrhundert kamen, als dieses Gebiet unter osmanischer Herrschaft war. Das die bosnischen Kroaten vielzählig vertreten waren bezeugt die Tatsache, dass damals in Pécs ein nach ihnen benanntes Viertel bestand, "das Bosnierviertel". Der kroatische Ethnograf aus Ungarn, Đuro Šarošac hat in seinem Werk aus 1973 die Dörfer der Südregion Pécs untersucht. Diese sind laut seiner Forschungen von bosnischen Kroaten bewohnt. Zu den Dörfern zählen Ata, Kukinj, Nijemet, Udvar, Pogan, Salanta, Semelj und Sukit. Die bosnischen Kroaten verwenden einen pécsisch kroatischen Dialekt und sprechen die neustokawische Mundart, einen archaischen ostbosnischen Dialekt der kroatischen Sprache. 

In den batschker Städten Baja, Aljmaš und Kalača besteht die Gemeinde der Bunjewatza und der raitzer Kroaten. Die Kroaten aus dem Raitzenland sind eine ethnische Gruppe, dessen Mittelpunkt zwei Dörfer Bacini und Dusnok sind, östlich gelegen von der Stadt Kalaca. Das sind Kroaten, die aus der Umgebung der Stadt Vinkovci stammen, die eine slawonisch stokawische Mundart verwenden. Mit der Zeit haben alle Raitzer diesen Namen angenommen, obwohl sie verschiedenen kroatischen ethnischen Gruppen der Bunjewatza und Schokatzen angehörten. Sie zählen zu einer der kleinsten Kroatengruppen in Ungarn, dessen Sprachgebrauch jedoch recht archaistisch geprägt ist. Im 19. Jahrhundert hat der Bischof der Stadt Kalaca und der erste Volksreformator der batschker Kroaten Ivan Antunović verzeichnet, dass sich die Bunjewatza und die Schokatzen immer mehr als Kroaten kennzeichnen. Sie sollten sich ihrer Herkunftsgruppe, wie auch die der Raitzen, jedoch nicht zieren, meinte der Bischof. 

Die Kroaten sind um Ungarn und Österreich angesiedelt, darunter auch die berüchtigten burgenländischen Kroaten. Diese leben jedoch auch in Städten im Westen Ungarns, wie Jur, Szombathely, Güns und Ödenburg. 

An der Südküste des Plattensees befinden sich Kroaten, die sich die Toti nannten. Auf Ungarisch Tóth bezeichnet es die Slowaken, oder die Slawen in Ungarn. Den Namen bekamen sie nach einer Bezeichnung für Slawonien, auf Ungarisch Tóthorszag. Die Kroaten nahe dem Plattensee bewohnten die umliegenden Dörfer wie Tótgyugy, Táska, Sentpal und Budžak. Sie verwendeten die stokawische Mundart der kroatischen Sprache mit einem slawonischen Dialekt. Dem kroatischen Historiker Đuro Vidmarović zufolge, sind die Toti Kroaten, die bis 1970 noch vertreten waren, heute komplett assimiliert und mit den Ungaren gleichgestellt. 

Nördlich von Budapest, in der Stadt Senandrija, leben die Dalmatinis, wo sie noch seit Mitte des 16. Jahrhunderts bestehen. Heute gelten die Meisten als Ungaren, ihrer Herkunft sind sie sich jedoch weiterhin bewusst und pflegen fortlaufend ihre Sitten. Ihr Feiertag war der des Gedenktages des Hl. Johannes des Täufers.  Dieser wird jedoch seit 1930 aufgrund vom Druck der Madjarisierung nicht mehr auf traditionelle Art und Weise gefeiert. Dank der Kroatin aus Senadrija Eva Drobilić wird dieser Brauch, sowie die Altkroatischen „dodole“ und „dalmatinische Beisetzung“ seit 1975. wieder althergebracht veranstaltet. Im Jahre 1998 verstarb die letzte Person, Marica Valentin Pivarcek geboren 1908, die noch fließend die Sprache ihrer Urgroßväter beherrschte. Die Ältesten der heutigen Zeit kennen nur noch ein dutzend Wörter oder einen Satz. Anders ist es mit der kroatischen Sprache. Diese ist noch in der Kirche zu hören, in der etwa 40 Gläubige in kroatischer Sprache singen und beten.

Südwärts von Budapest, findet man die Iliren. Kroaten, die sich ebenfalls durch die Assimilation als Ungaren bezeichnen. Diese wohnen in den Ortschaften Ercin und Tukulja und gehören zu den ersten bunjewatzer Stämmen in Ungarn. 

Die Organisation der ungarischen Kroaten 

Die legitime, politische und administrative Einrichtung der Kroaten in Ungarn ist die Staatsverwaltung, gegründet in 1994. Demnach verfasste das ungarische Parlament das Gesetz für die Rechte der nationalen und ethnischen Minderheitsgruppen. Durch das Gesetz wird den Minderheitsgruppen das Verfassungsrecht einer lokalen Selbstverwaltung gewährt. Die kroatische Selbstverwaltung  wird vom Abgeordnetenhaus vertreten, dessen Abgeordneten ein fünf jähriges Mandat ablegen.

Seit 2007 besteht das Haus aus 39 Delegationen, 10 aus Gradišća, 5 aus Budapest, 5 aus Batschka, 5 aus Zala, 11 aus Baranja, sowie 3 aus Podravina. Der derzeitige Präsident der kroatischen Selbstverwaltung ist Ivan Gugan. Wie jede gesetzlich anerkannte Minderheitsgruppe in Ungarn, hat die kroatische Gemeinde einen Vertreter im Parlament und diese Sprecherfunktion führt der renommierte Winzer aus Pécs Mišo Hepp. 

Alle kroatischen ethnischen Gruppen in Ungarn haben während der letzten Jahrhunderte sowohl die Eigene, als auch die ungarische Kultur bereichert. Die HDS - die kroatische demochristliche Partei – hat in Zusammenarbeit mit dem Bund der Kroaten in Ungarn SHM - einer Dachorganisation, die in Verbindung mit seit 1990 bestehenden regionalen Gemeinden steht -  ein kroatisches Wochenblatt Kroatischer Bote gedruckt. Die HDS gibt selbstständig auch noch einen kroatischen Kalender heraus, sowie ein Quartalsblatt Bilten, benannt nach ihrem Amtsblatt. Der kroatische Vorsitzende des kroatischen Bundes in Ungarn ist Joso Ostrogonac. 

Kroatische Medien, Ämter und Jugendbildungsstätten 

Die HDS und die SHM gründeten in 1999 die Croatica, eine gemeinnützige Organisation für kulturelle, informative und redaktionelle Tätigkeiten, mit dem Sitz in Budapest. Mit dieser Gründung wurden die Kroaten zu der ersten Minderheitsgruppe, die einen eigenen Verlag besitzt. Zum Verlagsprogramm der Croatica gehört: der Druck von Lehrbüchern, Zeitschriften, literarischen Werken kroatischer Schriftsteller, Sammelwerke, Monografien. Seit 2000 wird auch das Sammelwerk Kroatische Schriftsteller in Ungarn herausgegeben.

Die Croatica führte in 2005 auch einen Radiosender ein, den "Radio Croatica". In Pécs besteht eine Kroatische Redaktion als Teil des ungarischen Radios und Fernsehens, die Sendungen in kroatischer Sprache vorbereiten. Hinzu wirken in Pécs bedeutende Institutionen der Kroaten in Ungarn: Das Wissenschaftsinstitut der Kroaten in Ungarn, der kroatische Verein "August Šenoa" und ein kroatisches Theater. 

Andere wichtige Organisationen und kroatische Vereine: der bunjewatzer katholische Leseverein in Baji, ein Museum in Mohac, der Club der kroatischen Journalisten, die ungarisch-kroatische Gemeinde, der kroatische literarische Kreis, sowie die kroatische katholische Jugendgemeinde. Es bestehen auch diverse Büchereien, kroatische Vereine in Baji, Mohatsch, Pécs, Budapest, Kohlenhof und anderen Städten, Kunst-und Kulturvereine, Chöre und Tamburabands. Im Ort Peresznye wirkt das Museum der Kroaten in Ungarn für sakrale Kunst. 

In Ungarn bestehen drei kroatische Kindergärten und in Budapest, Pécs und Santova drei kroatische Grundschulen. Es eröffneten auch zwei kroatische Gymnasien in Budapest und Pécs und in etwa 40 Schulen wird die kroatische Sprache als Schulfach angeboten. An der Universität Pécs wirkt der Lehrstuhl für Kroatistik und Slawistik. Die kroatische Sprache wird auch an dem Lehrstuhl für slawische Philologie an der ELTE Universität in Budapest angeboten. Ein weiterer Lehrstuhl für die kroatische Sprache wirkt auf der Universität in Szombathely, sowie an der Schule für Lehramt in der Frankenstadt.