Die Stimme Kroatiens

10:53 / 13.05.2021.

Autor: GH

Zuhause in Freiheit l(i)eben

Illustration (Foto: Dana Jungbluth)

Illustration (Foto: Dana Jungbluth)

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"Mehr möchte ich doch gar nicht!"

Im September 2019 startete ich meinen Blog bei der Stimme Kroatiens mit einem Text über meine Gefühle zu Kroatien. Fernweh ist mein Heimweh, so die Überschrift. Ein sehr intimes Thema. In diesem Beitrag ging ich vor allem darauf ein, warum ich mich zu Kroatien und seinen Menschen so hingezogen - ja, zuhause - fühle. Besonders erschreckend beim nochmaligen Lesen dieses Textes ist für mich, wie sehr ich dort meine Freiheitsliebe hervorhebe. Erschreckend deshalb, weil Freiheit in diesen Tagen lediglich noch einen belanglosen und längst vergessenen Begriff darzustellen scheint, der zumindest in Deutschland eher noch auf dem Index des Unsagbaren landen wird, bevor man sich seiner einstigen Bedeutung endlich wieder bewusst wird und sich dieser annimmt. Erschreckend zudem auch, weil einem Freiheitsverfechter wie mir nochmal deutlich vor Augen geführt wird, wie schnell ich mich doch in meiner Freiheit eingeschränkt fühle und es daher nicht mehr verwunderlich ist, dass ich aktuell regelrecht zu ersticken drohe, jetzt, wo sie tatsächlich dahin ist. Zum zweiten Mal in meinem Leben.

Über nächtliche Ausgangssperren, Click and Meets, Freitesten oder AHA's kann ich eigentlich nur müde lächeln. Meinem Zynismus sei Dank! Worüber ich gar nicht lachen kann, ist jedoch diese unglaubliche Ignoranz vieler Mitmenschen gegenüber den zahlreichen Opfern dieser Krise. Ich meine damit die von der Krankheit und unanständigen Panikmache Betroffenen ebenso wie diejenigen, die an den Maßnahmen zugrunde gehen. Sei es wirtschaftlich, kognitiv oder psychisch. Zu viele Menschen bezahlen diesen Zustand mit ihrem Leben. Wer das ignoriert, verpasst den Opfern somit zusätzlich zur Angst und Belastung noch eine schallende Ohrfeige obendrauf. Ja, wir alle sind Opfer. Jeder auf seine Weise, was einen idealen Ausweg aus der Situation sicherlich erschwert. Eigenverantwortung wäre daher aus meiner Sicht der einzig sinnvolle und faire Weg. Ohne, dass man sich auf der Schuld der anderen noch weiter ausruhen und somit aus der Affäre ziehen kann. Ich weigere mich, andere Menschen für Virusübertragungen verantwortlich zu machen. Ich sehe bei niemandem die Schuld. Die Jugendlichen, die sich zu heimlichen Partys treffen, könnten für den Tod ihrer Großeltern verantwortlich sein, mahnt man gerne. Wer aber garantiert denjenigen, die etwas so unüberlegtes aussprechen, dass nicht etwa die Jugendlichen diejenigen sind, die daran sterben, wenn sie es eben nicht machen? Sie möchten leben! Mit allen menschlichen Grundbedürfnissen, die dazugehören. Genauso wie übrigens die Menschen, die stark gefährdet durch allerlei Viren sind. Wer sagt denn, dass sie nicht gerne jeden ihnen verbleibenden Moment mit ihren Liebsten verbringen möchten, die sie ebenso brauchen wie die Luft zum Atmen? All ihre Liebe, Hoffnung und Kraft. Ihren Lebensinhalt, zur Stärkung ihres Immunsystems und auch zu ihrer Genesung. Wer ist man, den Menschen das zu nehmen? Der Schuldige vielleicht?

Selbst ein Zustand vermeintlicher Gesundheit ist ohne Freiheit nichts wert. Und auch Krankheit ist in Freiheit erträglicher. Denn ohne sie fällt das Genesen schwer und es stellt sich sogar die Frage, wofür und ob man es dann überhaupt noch möchte.

Aber Kroatien als mein Retter aus dieser Situation? Nein, sicher nicht. Ich brauche gewiss keinen Ritter in schimmernder Rüstung. Der war ich immer schon selbst. Auch wenn meine Rüstung inzwischen von einigen Beulen und Kratzern gezeichnet ist, so hält sie mich immer noch aufrecht. Bis ich sie nicht mehr halten kann. Aber bis dahin kämpfe ich. Dafür, dass ich sie wieder füllen kann mit allem, was ich zum Leben brauche. Das ist gar nicht viel. Ich möchte lachen, teilen und lieben. Mein Leben aktiv fühlen. Mehr möchte ich doch gar nicht! Ich will nicht gerettet werden. Von niemandem. Aber meine Liebsten, die brauche ich. Auch das sind nicht viele, aber sie sind immer da, egal, wo ich bin. Ich trage sie unter meiner Rüstung mit mir. Auch Kroaten sind darunter. Und das Schöne, von unschätzbarem Wert bei ihnen ist, dass sie mich exakt so nehmen, wie ich bin, mit all meinen Beulen und Kratzern, aber auch meinem ehrlichen Herzen und meinen paar Fähigkeiten und Eigenschaften, die ich mitbringe, die hier einfach nichts wert sind. Und dafür bin ich "meinen Kroaten" auf ewig tief verbunden und dankbar! Dass sie mich nehmen, mögen und leben lassen, wie ich bin. Ganz ohne schwere Rüstung. Wie meine Familie eben. Mein Heim.

Dieses wunderbare Geschenk seitens der Kroaten rührt mich, macht mich sogar sprachlos und oft ungläubig, da ich es aus meiner bisherigen Gesellschaft nicht gewohnt bin, was sich zu dieser Zeit besonders deutlich bemerkbar macht. Und obwohl mir meine kroatische Crowd soviel Wärme und ehrliches Interesse schenkt, habe ich dieses Mal große Angst, nach Hause zu kommen. Was kann ich schon zurückgeben gerade? Gefangen in meiner (be)klemmenden Ritterrüstung aus einem nie dagewesenen Schauspiel kommend, werde ich das kleine Einmaleins des geselligen und gegenseitig unterstützenden Miteinanders erst in kleinen, vorsichtigen Schritten wieder erlernen müssen. Zwar kann und brauche ich in Kroatien, meiner Heimat, eigentlich einfach nur ich selbst sein, aber ich weiß nicht mehr, wie dies ohne Unsicherheit, Selbstzweifel und permanent erzwungener Rechtfertigung überhaupt funktioniert. Ich werde Zeit brauchen. Ja, sogar Zeit alleine nach der langen Isolation. Wie ein scheues Küken, das sich mit letzter Kraft aus einer stählernen Fassade befreit. Die Rettung braucht es nicht, aber vielleicht Geduld und Fürsorge. Von echten Liebhabern, nicht von denjenigen, die es bloß süß finden.

Die Familie dieses zerrupften Kükens weiß um seine Beschaffenheit. Seine Wunden sowie aber auch um seine Leistung. Sie liebt es und wird sich immer sorgen, es aber in Freiheit dorthin flattern lassen, wo auch immer es sich hingezogen fühlt. Wenn es seinen Platz findet, an dem es eben sein kann, wie es ist. Und leben!

Ich suche keine neue Heimat, ich habe eine. Auch weiß ich, was ich an der jetzigen habe, schätze sie und bin dankbar für ihre Beherbergung. Wenn man aber schon lange weiß, dass der Weg einen eines Tages fortführen wird, sollte man aufbrechen, bevor er endet. Kroatien hat mich einfach dort getroffen, wo ich mich nicht irren kann. Mitten ins Herz.

Aus mancher Sicht mag ich ein Vaterlandsverräter sein. Ich selbst aber sehe sekündlich und immer schneller mein eigenes Leben an mir vorbeiziehen und möchte es einfach gerne endlich leben, bevor es vorbei ist. Vielleicht ist es ein Spiel mit dem Feuer. Es wird sich zeigen. Ebenso wie das Ergebnis jedes erdenklichen Lockdowns. Und führt dieses Wagnis zu ebensolchen Zerwürfnissen, gibt es auch dann wieder einen Weg heraus. Aktiv bleiben ist der Schlüssel zum Leben, nicht das Erstarren. Das Herz weist die Richtung. Ein reines dazu steuert den Verstand. Für ein menschliches Leben. In Einigkeit. Und Recht. Und Freiheit.

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