Illustration (Foto: Ivo Cagalj / PIXSELL) Illustration (Foto: Ivo Cagalj / PIXSELL)

Die kalte Jahreszeit, Weihnachten und auch Ostern sind vorüber und dennoch verleiten uns die seit Wochen verhängten Ausgangsbeschränkungen weiterhin zum Genuß der ein oder anderen Extra-Köstlichkeit. Ob wir in diesem Jahr noch an unserer Strandfigur arbeiten müssen, ist noch ungewiss. Nichts desto trotz lechzt unsere vernachlässigte körperliche Verfassung nach etwas Feinschliff. Zeit für Sport also, liebe Leser! Kalt erwischt? Sie dürfen aufatmen und sich zurücklehnen, ich erzähle Ihnen einfach etwas Sportliches. Das reicht für heute.

Ich selbst bin ja die Sportskanone schlechthin. Zum Beispiel gehe ich gerne ins Stadion. Als Zuschauer. Mit einem Bier und einer leckeren Bratwurst, versteht sich. Das Vergnügen des Schnupperns kroatischer Stadionatmosphäre musste ich mir daher im Sommer 2005 einfach ganz spontan genehmigen. Bei einem Besuch des Hajduk Split Shops am imposanten muschelförmigen Stadion Poljud in Split entdeckte ich beim Bezahlen meines Trikots an der Kasse einen Stapel Eintrittskarten. Für ein Heimspiel, welches zwei Tage später stattfinden sollte. Da die Karten im Vergleich zu Fußballspielen in Deutschland praktisch nichts kosteten und ich ja ohnehin gerade da war, ergatterte ich mit meiner damaligen Begleitung gleich welche.

Ausgestattet in neuer Hajduk-Tracht ging es also zwei Tage später am Abend auf ins Stadion. Hajduk Split gegen Rijeka. Am Stadion angekommen, vernahm ich etliche Fußballfans relaxed des Weges zum selbigen schlendern. Als wäre man auf dem Weg zu einem guten Freund, entspannt, unbeeindruckt. Wie gesittet, dachte ich. Ja, man trug Trikots, und Schals zierten die Handgelenke. Ausgeflippte Varianten mit Wimpeln, Mützen, Fähnchen, Tröten und Pins jedoch waren weit und breit nicht zu sehen. Was aber auffiel, war die Tatsache, dass ich die gefühlt einzige Frau auf dem Weg ins Stadion war. Auch drinnen waren die weiblichen Besucher ungefähr an ein bis zwei Händen abzuzählen. Kinder sah ich vielleicht zwei bis drei an jenem Abend. Jungs. Zwischen 7 und 10 Jahre alt. Ziemlich antifeministisch, dachte ich etwas erzürnt bei mir..... und sollte später eines besseren belehrt werden. Ebenfalls seltsam erschien mir, wie alle Besucher zielstrebig nach den Zeitungen griffen, die dort beim Einlass verteilt wurden. Stadionblätter? Eine Werbezeitung? Ich weiß es nicht, ebenso wenig wie die Einheimischen es wussten, schätze ich. Niemand schaute hinein, aber alle wollten eins haben. Ok. So nahmen wir ebenfalls hektisch jeweils ein Exemplar an uns. Es galt, nicht weiter aufzufallen. Reichte ja schon, dass wir mit mir eine Frau dabei hatten.

Am Platz angekommen, erschloss sich mir just der Sinn der Zeitungen. Druckerschwärze am Hintern war den undefinierbaren Restbeständen an den maroden Plastiksitzen definitiv vorzuziehen. Also machte ich es den Profis gleich und setzte mich auf die wertvolle Zeitung. Worüber ich mich freute, war der nette Herr mit Bauchladen, der uns sogleich Popcorntüten anbot. Natürlich griff ich zu und hob mir diese Leckerei vorfreudig für das Spiel auf. Während des Aufwärmens der Spieler genoss ich den fantastischen Blick über das Stadion hinaus bis auf's Meer. Die Sonne glitt langsam hinter dem Stadion in die Nacht und pfiff damit das Spiel vor dem Spiel an. Laute Musik ertönte durch das Stadion, die Fans stimmten unmittelbar ins "Daaalmacijoooo" mit ein. Aber nicht etwa wie bei uns in Deutschland üblich, abseits der Fankurven eher zurückhaltend, nein. In Split erhebt sich jeder, und damit meine ich jeden einzelnen Stadionbesucher, dazu vom Platz. Ich mag nicht ausschließen, dass dies mit dem zuvor erwähnten Zustand der Sitze zu tun hatte, aber parallel unterstützte eben auch jeder diesen herrlichen Männerchor mit ganzer Sangeskraft. Man schwang seine Schals, hüpfte und freute sich. Eine tolle Atmosphäre! Die "Gelbe Wand" über die Größe eines gesamten Stadions. Großartig!

Beim tatsächlichen Anpfiff dann, etwa eine halbe Stunde nach diesem fröhlichen Einstimmen auf das Spiel, dauerte es keine 5 Minuten, bis dieses auch gleich unterbrochen werden musste. Bengalos. Ja, auch in Kroatien verboten, jedoch interessiert es dort niemanden. Inklusive der Sicherheitsleute. Die einzigen, die ob dieser Unterbrechung, die nicht die letzte für diesen Abend gewesen sein sollte, ziemlich genervt waren, waren die Spieler, die sich womöglich fragten, ob überhaupt irgendwer des Spieles wegen anwesend war. Und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich von diesem ebenfalls nicht viel mitbekam. Zu aufregend, zu interessant, zu gefährlich, das Beobachten dieses völlig durchgedrehten Fanvolkes. Zeitweise zogen die Rauchwolken über das gesamte Spielfeld, sodass, einem Kriegsgebiet ähnlich, nichts mehr zu sehen war. Außer Rauch und rotem Licht. Ebenso wie die Fangesänge sind in Split auch die Bengalos nicht den Fankurven allein vorbehalten. Überall leuchtete es, flog es über unsere Köpfe hinweg. Absolut irre, ich kann es nicht anders beschreiben. Nun wusste ich auch, dass die Tatsache, dass fast ausschließlich Männer das Stadion besuchten, nichts mit patriarchalichen Strukturen, sondern lediglich mit der Vernunft der Frauen zu tun hatte, diesem gefährlichen Treiben samt Kindern fernzubleiben. Ein Wahnsinn, wenn man aus der deutschen, geordneten, sich an Vorschriften haltenden Provinz kommt. Das Spiel dauerte somit anstatt der üblichen 90 Minuten gefühlte drei Stunden. So kommt es einem zumindest vor, wenn man damit beschäftigt ist, diversen Gegenständen auszuweichen, die einem über den Kopf hinwegfliegen. Erwähnte ich den Wahnsinn schon? Die längste Unterbrechungszeit betrug übrigens eine gute viertel Stunde. Zeit für Popcorn. Und zack, sofort wieder ausgespuckt. Ein abscheulicher Ekel, erhält man statt des erwarteten Zuckergeschmacks eine Portion Salz im Mund. Salziges Popcorn! Ernsthaft? Wer isst denn sowas?

Die zweite Halbzeit verlief ein wenig ruhiger als die erste. Oder ich hatte mich lediglich an das wahnsinnige Treiben gewöhnt. Ich meine, es war Niko Kranjčar, der trotz dieser erschwerten Zustände auf dem Spielfeld ein zufriedenstellendes 1:0 rausholte. Und sie tobten wieder. Die Torcidas. Noch mehr Bengalos. Wahrscheinlich hatten die Spieler einfach keine Lust gehabt, noch mehr Tore zu schießen, waren sie sich der Folgen dessen schließlich bewusst.

Wie dem auch sei, wer gerne ins Stadion geht, sollte dies in Kroatien, speziell in Split, unbedingt wenigstens einmal erlebt haben. Wahrlich - ein abenteuerliches Lebensgefühl! Und ich? Ich werde zusehen, dass ich mir bei Gelegenheit erneut einen Eindruck davon verschaffe, was sich dort in 15 Jahren geändert hat. Oder auch nicht. Und dann nehme ich mir mutig ein Derby zwischen Hajduk und Dinamo vor. Und werde Ihnen berichten, versprochen.