Illustration (Foto: Dana Jungbluth) Illustration (Foto: Dana Jungbluth)

Lange habe ich Sie mit meinem August-Blog nun warten lassen, jedoch muss auch ich mich so manches Mal sammeln und Geschehnisse verarbeiten und einzuordnen versuchen. Wie Sie wissen, geht es in meinem Blog um das kroatische Lebensgefühl, etwas, das ich bei meinem längeren Aufenthalt nochmal so richtig einatmen durfte. In einer Lage wie dieser perfekt zum direkten Ländervergleich.

Noch keine zwei Wochen zurück in Deutschland geht mir dieses Land mehr auf die Nerven als jemals zuvor. Und das mag was heißen, dachte ich bereits meinen Höhepunkt der Abneigung oder besser gesagt des beklemmenden Unwohlseins erreicht zu haben. Da musste ich mich eines Besseren belehren lassen. Zu lange die Abwesenheit, wenn auch zu kurz in Kroatien. Zu unterschiedlich die Menschen, wenn auch in vielem sehr gleich. Zu schön Kroatien, wenn auch dort vieles sehr hässlich. Gleichwohl ich schon ahnte, dass mir die Rückkehr dieses Mal, nach zehnwöchigem Aufenthalt, viel mehr abverlangen würde als sonst, überwältigt es mich gerade, dass ich meine Gedanken kaum sortiert kriege. Die Schule geht weiter, der Kindergarten startet, Post, Emails, Anrufe, die nach Beantwortung schreien und natürlich alles wieder konsequent begleitet von Corona. Da sind sie wieder, die Menschen, die auf dem Bürgersteig vor einem wegspringen, die Jogger mit Maske, die mahnenden Mitmenschen mit Erklärvideos und -büchern, heftige Streitereien um die einzig wahre Wahrheit, Schuldzuweisungen, Denunziantentum und tiefsitzende Angst. Vor dem lauernden Tod. Der, wie selbst die Kinder wissen, gerade die Älteren erwischen kann, wenn wir fahrlässig werden. Da gilt es auch mal, die eigene Gesundheit hinten anzustellen. Etliche Mütter, die mich dieser Tage verzweifelt um Rat bitten, da sie Angst haben. Angst, ihre Kinder weiterhin dieser Angst und eventuell gar noch Schlimmerem auszusetzen. Aber auch Mütter, gefühlt in der Mehrheit, denen die Regeln gar nicht streng genug sein könnten und das Einhalten dieser mit Argusaugen beobachten. Es liegt ein dicker Nebel auf dem Land und man wünscht sich regelrecht eine klärende Bura herbei.

Wie ich schon sagte, auch Kroatien hat mitunter viele hässliche Seiten. Natürlich, die gibt es überall. Und als ängstlicher Deutscher zieht man oberflächliches Gerede über das Wetter bestimmten Themen lieber vor, könnten sie immerhin für einen ordentlichen Orkan sorgen. Aber so ein Orkan reinigt die zuvor verseuchte Atmosphäre. Die Kroaten können streiten wie die Kesselflicker. Selbst normale Gespräche erscheinen aufgrund ihrer Lautstärke meistens wie eine heftige Auseinandersetzung. Aber die Kroaten sind da abgehärtet, sind herzlich gemeinte Begrüßungen sogar mit den übelsten Schimpfwörtern versehen. Kroaten legen Äußerungen nicht gleich auf die Goldwaage. Ein sehr angenehmer Aspekt, den der politisch korrekte Deutsche nur bestaunen oder gar beneiden kann. So sehen Sie sich mitunter in Gesprächsrunden wieder, in denen gar die Sympathie für Hitler völlig beiläufig und unverfroren ausgesprochen wird, um mal ein für deutsches Empfinden Extrembeispiel zu nennen. Erst als dem Gegenüber meine Herkunft klar wird, holt er lachend zur Erklärung seiner Überzeugung aus. Um die soll es hier aber nicht gehen, vielmehr ist es einfach die Tatsache, dass selbst Menschen mit völlig konträren Positionen bei einem Bier zusammen am Tisch sitzen und über Gott und die Welt diskutieren und dabei aber auch gemeinsam lachen können. Etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte, in Deutschland hingegen selbst in den besten Familien nicht mehr möglich ist, ohne gar diese zu spalten. Dagegen sind Entfreundungen auf Facebook, wie sie heutzutage gerne praktiziert werden, der reinste Kindergarten. Nach zehn Wochen Kroatien, in denen ich mit den unterschiedlichsten Menschen über die verschiedensten politischen, religiösen und wirtschaftlichen Ansichten gesprochen habe, war die Rückkehr ins steife und ängstliche Deutschland, in dem all diese Themen des lieben Friedens wegen besser vermieden werden, eine große Herausforderung. Eine sachliche, unaufgeregte Debatte über was auch immer ist hier zwar schon lange nicht mehr möglich, aber Corona setzt dem Ganzen im wahrsten Sinne des Wortes die Krone auf. Abgesehen von den Hobby-Denunzianten aus Leidenschaft bekommt man hier nun selbst von oberster Stelle die Anweisung, nichts hinterfragen zu dürfen. Die Wissenschaft scheint quasi fertig, sie weiß schon alles. Selbst die Tatsache, dass ich über eventuelle negative Auswirkungen solch harmloser Sätze nachdenke, ist meines Erachtens entlarvend genug für unsere Demokratie.

Wir sitzen gerade weltweit so ziemlich im selben Boot, beim einen schwappt etwas mehr Wasser hinein als beim anderen, jedoch ist offensichtlich niemand derzeit so richtig zufrieden. Die Ängste und Sorgen sind dabei ganz unterschiedlich, was im Hinblick auf individuelle Hintergründe und Gegebenheiten verständlich und zu akzeptieren ist. Am Ende zählt jedoch der gesamtgesellschaftliche Umgang mit einer Krise und den empfinde ich zumindest bei den Kroaten um ein vielfaches gesünder als bei den Deutschen. Während Sie in Kroatien für die dämliche Optik mit Ihrer Gesichtsmaske ausgelacht werden und man ohnehin auch in dieser Zeit noch zu scherzen pflegt, ist dieser umstrittene Gesundheitsschutzartikel hierzulande das Aushängeschild für Solidarität und Verantwortung, den es todernst zu tragen gilt. Nach zehn Wochen Abwesenheit fällt auf, wie viele Menschen inzwischen die Maske selbst an Orten tragen, an denen es noch unsinniger scheint als ohnehin schon. Man stolziert regelrecht, um seine richtige Haltung unter Beweis zu stellen. Die maskierten Gebückten hingegen sind die ernsthaft bemitleidenswerten stark Verängstigten. Die Auswirkungen eines Maskenzwangs für Kinder gehen dabei aufgrund der offensichtlichen Angst der Erwachsenen um ihre eigene Gesundheit gänzlich unter. Sie machen das ja ganz toll mit. Die Lebensrettung. Wer es zwar trägt, aber ablehnt, kommt einem Mörder gleich. Ist Maskenverweigerer, den es am liebsten einzusperren gilt. Ein Corona-Leugner. Covidiot. In Kroatien bezeichnen selbst diejenigen, die reale Angst um ihre Gesundheit hegen, diese weltweite Krise zeitgleich als mafiös. Und das nicht unter vorgehaltener Hand oder vorsichtig umschrieben, sondern laut, klar und deutlich. Diese sehr unterschiedlichen Sichtweisen allein in Bezug auf die Art und Weise des Maskentragens lassen in Kroatien in den Geschäften auch gleich erkennen, wer Deutsch ist und wer nicht. Besonders dann, wenn selbst maskierte Kleinkinder zugegen sind, was zwar in Kroatien in den Geschäften tatsächlich Pflicht ist, aber von den Kroaten selbst, so wie ich zigfach beobachten konnte, nicht umgesetzt wird. Da denkt man eben noch selbst und an seine elterliche Fürsorgepflicht. Versuchen Sie das mal in Deutschland. Da hagelt es auch mal eine Ohrfeige an einem fremden Kind. Ein Kind mit Attest.

Völlig egal, wo man politisch steht oder wie man die aktuelle Lage bewertet und welche Ängste einen persönlich treiben: Wenn man den Mensch hinter der Maske nicht mehr sieht, ist es nicht mehr das Herz, das einen leitet. "Politika je kurva!", da sind sich die Kroaten am Ende alle einig. Und genießen gemeinsam das, worauf es ankommt. Das Leben! Egal, wie lange es nun im einzelnen dauern mag...