Illustration (Foto: Ivo Cagalj / PIXSELL) Illustration (Foto: Ivo Cagalj / PIXSELL)

Das Meeting im Büro, die Besprechung mit einem Kunden, Elternabende, Krankengymnastik, der Tierarztbesuch, eine mehrtägige Fortbildung, Behördengänge und etliche Veranstaltungen rund um die Kinder. Termine über Termine. Wir füllen im wahrsten Sinne des Wortes dicke Bücher mit meist lästigen Dingen, die dringend zu erledigen sind. Aber nicht nur jene halten wir dort fest, ebenso pflegen wir den Kaffeeklatsch mit dem Nachbarn oder gar den Besuch der eigenen Mutter dort einzutragen. Muss ja schließlich alles getimet sein an einem Ort von Burnout- und ADHS-Patienten. Deutschland nennt er sich. Aber haben Sie, liebe Leser, eigentlich jemals einen gestressten Kroaten gesehen? Ja, ich lache auch noch. Sie, liebe Kroaten, die Sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, nehme ich bei dieser These bewusst heraus; zu angepasst sind Sie bereits an das deutsche Wesen. Seien Sie stolz darauf. Oder besser nicht?

Ich habe nicht nur private Kontakte nach Kroatien. Auch geschäftlich durfte ich in meinem Lieblingsland einige Jahre Erfahrungen sammeln, um mich hier so weit aus dem Fenster lehnen zu können. Woran also liegt es, dass ich noch niemals einen Kroaten so richtig gestresst gesehen habe? Entweder, die Kroaten haben wirklich nichts zu tun, oder sie lassen sich nicht stressen, oder sie lassen es sich lediglich nicht anmerken wie wir dauerjammernden Deutschen. Finden wir es heraus.

Was mir in Kroatien jedenfalls gefällt, ist die Tatsache, dass man die Menschen nicht hasten sieht. Kein Gerenne, kein Geschubse, keine Eile. Kein Stress eben. Während in Deutschland allein der Gang zum Supermarkt einem Sprint bei den Olympischen Spielen gleicht. Wer ist der Erste an der Kasse? Wer wird am schnellsten an dieser abgefertigt, wem die Einkäufe am weitesten vom Band über den Scanner bis in den Wagen und manchmal auch darüber hinaus geworfen? Wer nicht mitzieht, wird ausgebuht. Ungläubige Blicke, lässt man ganz entspannt jemanden, der offensichtlich kurz nach dem Wocheneinkauf mit vollem Wagen noch einen wichtigen Termin hat, den Vortritt. Ganz vorbei, lächelt man dazu noch freundlich. Logisch. Wocheneinkäufe erledige ich ebenfalls immer rasch vor einer Wurzelbehandlung oder dem Notartermin für den Hauskauf; da gilt es, sich an der Kasse zu sputen. In Deutschland muss alles flott gehen. Stehenbleiben? Ein kurzer Plausch mit der Kassiererin? Wagen Sie es sich!

In Kroatien hingegen werden Sie nicht einmal eine Uhrzeit von angeblichen Terminen erfahren. Selbstverständlich wird man Ihnen zusichern, zu einer vorgeschlagenen Zeit an einem Treffpunkt zu sein; aber beherzigen Sie bitte meinen wohlgemeinten Rat, ein bis zwei Mahlzeiten für die Wartezeit zu jenem mitzunehmen. Sie werden sie brauchen. Oder befragen Sie in Kroatien doch einfach mal einen Nachbarn oder Freund, wann denn beispielsweise die georderte Baufirma oder sonst irgendwer vorbeikommen wollte. Die Antwort wird sowas sein wie "Heute, wir haben einen Termin. Vielleicht auch morgen, mal sehen." Man stellt sich also auf irgendwann ein, hält aber nicht etwa Stellung, wie man das in Deutschland täte und sich daher beim Warten auf Handwerker oder eine heiß ersehnte Lieferung regelmäßig schwarzärgert. Nein, die Kroaten sehen das offensichtlich entspannter und fahren eben kurz einkaufen, vielleicht auch spontan noch einen Freund besuchen oder einen Kaffee trinken. Irgendwann findet man schon zum verabredeten, zeitlich offenen Termin. Terminplaner. Auch so eine Sache, die ich bei keinem einzigen Kroaten jemals zu sehen bekam. Da hat man höchstens immer das Handy am Ohr. Ok, Punkt für die Kroaten. Handy am Ohr sieht immer busy aus. Und wer busy aussieht, wirkt gestresst. Achten Sie mal drauf. Und noch etwas sei der Fairness halber einzuräumen. Bei Geschäftsterminen mit Deutschen sind die Kroaten jedenfalls deutlich bemühter, Uhrzeiten einzuhalten, als bei den eigenen Landsleuten. Immerhin wissen sie ebenso über unsere Eigenart eintretender Genervtheit ab null Minuten Verspätung Bescheid wie wir über ihre der zeitlichen Unzuverlässigkeit. Dafür sind Geschäftstermine in Kroatien, selbst mit ranghohen Personen, um ein vielfaches angenehmer als in Deutschland. Ein Aspekt, der für jede Sekunde augenrollenden und schnaufenden Wartens entschädigt.

Jedoch gibt es ja nicht bloß terminlichen Stress, auch das emotionale Pendant sollte hier Erwähnung finden. Denn da gelangen wir an einen Punkt, der meine eingangs erwähnte These von nicht gestressten Kroaten ganz eklatant widerlegen dürfte.

Geht es z.B. um die Familie, die Vorbereitung von Festen oder Politik, erleben wir die Kroaten durchaus schon viel hitziger. Laut, mit den Armen fuchtelnd, wild gestikulierend. Ja, sie sind tatsächlich in der Lage, sich regelrecht in Dinge emotional derart reinzusteigern, dass einem angst und bange werden kann. Beim Fußball beispielsweise stehen den Kroaten die Schweißperlen sichtlich auf der Stirn, alle Gliedmaßen zittern nervös, die Halsschlagader pocht in einem Vatreni-Rot, das sekündlich zu platzen droht. Alles klar, da haben wir es. Stress pur. Kurz vor dem Infarkt. Aber eben für Herzensdinge und keine solchen, die es letztlich nicht wert sind, am Ende tatsächlich einen Infarkt für jene zu erleiden. Das ist Leidenschaft, Liebe, vielleicht auch etwas theatralisches Gehabe, aber jedenfalls keine Selbstaufgabe für Dinge, die ihnen niemand danken wird und die letztlich unbedeutend sind. Diese Art des Prioritätensetzens sollten Sie beim nächsten Warten auf einen Kroaten berücksichtigen anstatt sich künstlich in eine Herzattacke hineinzusteigern. Trinken Sie derweil doch einfach einen Kavu, ein Pivo oder Medicina, wie das kleinste aller Getränke von so manchem Kroaten liebevoll genannt wird. Das beruhigt die Nerven.