Die Stimme Kroatiens

12:00 / 01.10.2021.

Autor:

Die Erkenntnis

Ograda s ljubavnim lokotima u Dubrovniku/Zaun mit Liebesschlössern in Dubrovnik

Ograda s ljubavnim lokotima u Dubrovniku/Zaun mit Liebesschlössern in Dubrovnik

Foto: Dana Jungbluth / HRT

Lange habe ich gebraucht, um zu erkennen, was exakt mich mit dem kroatischen Volk verbindet. Abgesehen von der Tatsache, dass ich dort von kroatischem Volk schreiben kann, ohne dass jemand Anstoß daran nimmt, ist es die innere Einstellung, die meinen kroatischen Teil des Herzens um ein Vielfaches höher schlagen lässt als den inzwischen doch sehr verkümmerten deutschen. Ich bin laut, ich diskutiere und ich kann es nicht leiden, wenn mir jemand in mein Leben pfuscht.

Kein Vergleich


Kroatiens Premierminister Andrej Plenković kommentierte das kürzlich erfolgte Festival der Freiheit in Zagreb, das gegen die Corona-Maßnahmen und insbesondere gegen die Impfungen initiiert wurde, damit, dass dies alles Menschen seien, „die offensichtlich noch nicht in einem anderen Land waren und die dortigen restriktiven Maßnahmen erlebt haben." Aus deutscher Sicht gibt es meinerseits ein leichtes und stilles Kopfnicken für diese Aussage. Während wir in Deutschland über Monate im Lockdown saßen, niemanden getroffen haben und von der großen kroatischen Freiheit träumten, war es zugegebenermaßen sehr seltsam, Bilder, Videos und persönliche Berichte aus Kroatien zu vernehmen. Seltsam, dass sie während ihrer Unmutäußerungen meist in geselliger Runde saßen, Ausflüge unternahmen und weder etwas von Testungen, Abstand und Masken für Grundschulkinder oder der hiesigen Wegspringmentalität, geschweige denn von den Emotionen hier erahnen konnten. Auch von den jetzigen 3G-Regeln, die hier sogar bei kleinsten Veranstaltungen im Freien gelten oder selbst privat auferlegt werden, kennt man in Kroatien nichts. Ein Witz also im Vergleich, könnte man spontan meinen. Jedoch ist solch ein Vergleich eigentlich unangebracht, denn schlimmer geht bekanntlich immer. Warum soll sich jemand also seine missliche Lage schönreden, indem er stets von dieser ablenkt mit dem Hinweis auf noch schlimmere Zustände? Dazu gibt es keinen Grund. Jeder Mensch trägt sein eigenes Päckchen. Gut, dass die Kroaten es offen kommunizieren, es herauslassen, anstatt sich aus falscher Rücksichtnahme heraus aufzugeben. Niemals würden sie - da bin ich mir sicher - zulassen, was wir hier mit uns machen lassen.

Und ich kann die Kroaten sehr gut verstehen. Gerade ich, mit meiner fast krankhaften Freiheitsliebe. In der Tat bin ich ein Vogel, der die Flügel stets ausbreiten und in Bewegung bleiben muss. Das kann ich sogar, ganz ohne den anderen zu nahe zu kommen. Ich muss frei sein. In meinen Bewegungen, im Denken, im Leben. Selbst wohl gemeinte Gesten kann ich manchmal schon in den falschen Hals des Sich-eingeengt-Fühlens bekommen. Ich sagte ja: krankhaft.

Wir ticken gleich


Nicht, dass ich die Kroaten nun pauschal als krankhaft bezeichnen würde, jedoch fällt deren Eigensinn durchaus auf. Da weiß es grundsätzlich jeder besser als der andere und reinreden lässt man sich zehnmal nicht. Es sei denn, die Mutter sagt's. Aber das ist ein anderes Thema. Da lässt man sich nicht in sein eigenes Leben einmischen, zu sehr liebt man es doch. Und zu sehr weiß man es eben besser. Zu Recht, wenn es um das eigene Leben geht. Da einem aber auch viel an dem Leben der anderen liegt, versucht man es dort ebenfalls gerne mit den ein oder anderen... Ratschlägen. Ein Teufelskreis, der zwangsläufig laut ist. Stur. Und hitzig!


Ich muss schmunzeln, denke ich an solche kroatischen Debatten. Und ich weiß nun auch, warum. Weil ich sie kenne. Ich bin selbst so. Von außen betrachtet wirken sie amüsant und man mag sie belächeln. Hineinversetzt aber weiß man, dass Grenzen überschritten wurden, die es zu respektieren gilt. Die Kroaten teilen dies unvermittelt mit und lassen es gar nicht erst in sich aufstauen, geschweige denn zu, dass man Grenzen überschreitet. Das verstehe ich gut!

Selbstschutz


Und ich verstehe auch, wenn die selbstbestimmten, stolzen und freiheitsliebenden Kroaten sich eingeengt fühlen. Wegen was auch immer. Da können noch so viele Leute sagen, sie sollten froh sein, dass es ihnen vergleichsweise gut geht. Wem nützt das, wenn man sich eben nicht gut fühlt? Rücksichtnahme bedingt keine Selbstaufgabe und über sein Wohlbefinden entscheidet jeder selbst. Kein Politiker, kein Ängstlicher, kein Moralapostel und auch niemand, der es vermeintlich schwerer hat. Nein, jeder selbst. Da gilt es, Grenzen zu wahren. Und notfalls zu setzen. Auch wenn das denjenigen, die es nur gut mit uns meinen, nicht passt - es ist unser Leben. Mit unseren Entscheidungen und unseren Grenzen. Um es mit Milanovićs Worten zu sagen:

"Sollen sie doch einen Zaun um uns bauen."


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