Illustration (Foto: HRT) Illustration (Foto: HRT)

Eigentlich, liebe Leser, wollte ich Ihnen in diesem Blog etwas vom Christkind erzählen. Stattdessen möchte ich gerne auf einen Leserbrief eingehen, den ich die Tage zufällig in meinem Spamordner entdeckt habe. Ein netter Herr, der kürzlich über die Stimme Kroatiens auf meinen Blog gestoßen ist, wobei ihn mein Beitrag über den Kulturschock im eigenen Land besonders beschäftigt hat. In diesem Text bin ich auf den unterschiedlichen Umgang mit der Corona-Krise in Deutschland und Kroatien eingegangen, wobei mir die kroatische Art, die ich persönlich für die gesündere halte, mehr zusagt. Den Leser interessiert, wie ich heute, aufgrund der aktuellen Infektions- und Todeszahlen in Kroatien, über "die kroatische Lockerheit" denke. Gerne möchte ich die berechtigte Frage für alle Leser beantworten.

Ich möchte mich hierbei gar nicht auf Zahlen beziehen, da sich selbst bei der medizinischen Bewertung dieser die Geister scheiden. Meine persönliche Einschätzung der in den verschiedenen Ländern jeweils ergriffenen Maßnahmen würde den Blog sprengen und spielt letztlich auch gar keine Rolle. Es geht um den Umgang der Gesellschaft mit der allerorts aus etlichen Gründen bitteren Lage und in erster Linie kann ich dies für mich nur anhand der direkten Umgebung festmachen. Und im Sommer habe ich eben diesen eklatanten Unterschied der Kroaten zu den Deutschen im Umgang mit der Pandemie gesehen und erlebt. Dabei ging es gar nicht mal um Nachlässigkeit als vielmehr um menschliche Wärme und Geborgenheit, die ich hier in Deutschland, jedoch auch vor Corona, einfach nicht so erlebe. Hier kämpft man eher für sich, habe ich den Eindruck. Ich weiß nicht, wie es sich aktuell in Kroatien verhält, vielleicht ist man inzwischen auch dort etwas verhaltener, mag sein. Von Erzählungen her scheint es jedoch nicht derart kalt wie in Deutschland zuzugehen.

Ob ich denke, dass die aktuelle Entwicklung auf die "Lockerheit" mancher zurückzuführen ist? Tja, die große Schuldfrage. Und mit meiner Antwort werde ich vermutlich keinen einzigen Leser zufriedenstellen können. Ich gebe niemandem die Schuld für diese Entwicklung. Keinem Kind, das eventuell seine Oma angesteckt hat, weil es sich nicht die Hände gewaschen hat. Keinem Menschen, der einen Freund umarmt hat. Keinem Demonstranten, egal warum er auf die Straße geht. Keinem Brautpaar, das zu einer großen Hochzeit eingeladen hat. Keiner Gemeinde, die zum Beten und gemeinsamen Singen zusammengekommen ist. Keinem Clan, der ein Mitglied mit mehreren hundert Menschen verabschieden möchte. Keinem Fußgänger, der in der Stadt die Maske nicht auf hat. Keinem Restaurant, das heimlich Gäste bewirtet hat. Keiner Familie, die am Heiligen Abend mit einer Person mehr als gestattet die Geburt Jesu Christi feiert. Nein, ich gebe all diesen Menschen keine Schuld an dieser Entwicklung!

Wissen Sie, meine kleine Familie und ich, wir halten uns an alle Maßnahmen und sind sogar darüber hinaus sehr vorsichtig, treffen so gut wie niemanden und regelmäßig schon mal gar nicht. Weihnachten werden wir ebenfalls niemanden sehen und selbst innerhalb der Familie halten wir nun schon etliche Monate ohne Umarmungen aus, da wir die diesbezüglichen Ängste verstehen und respektieren. (Ganz nebenbei: und trotzdem sind wir wie immer zur kalten Jahreszeit ständig erkältet.) Genauso muss ich Ihnen aber sagen, verstehe ich auch all die Menschen, die dem natürlichen Grundbedürfnis nach menschlicher Nähe nachgehen. Wie könnte ich das jemandem vorwerfen? Es gibt auch Kollateralschäden in dieser Krise, die eben genau daraus resultieren. Dass wir einander nicht mehr sehen, uns nicht mehr spüren, vereinsamen.

In unserem näheren Umfeld ist kürzlich jemand an Corona erkrankt und verstorben. Wissen Sie, was das Schlimmste für die Tochter war? Nicht zu ihrem Papa ins Krankenhaus zu dürfen, um ihm zu sagen, dass sie ihn liebt! Sie durften zu ihm, als er bereits gegangen war. Immerhin. Manchen bleibt sogar das verwehrt. Ich habe meine Freundin, als wir uns darauf (mit zeitlichem Abstand und ihrerseits negativem Testergebnis) gesehen haben, gefragt, ob ich sie umarmen darf. Sie war so dankbar darum und hat meine Umarmung regelrecht inhaliert. Meine Antwort an diejenigen, die uns diese Umarmung vorhalten, lautet: Sollten wir tatsächlich aufgrund dieser Umarmung sterben, so haben wir uns wenigstens in Würde verabschiedet! Und das meine ich genau so, wie ich es schreibe. Es war unsere Entscheidung in diesem besonderen Moment.

Weiter habe ich heute vom Tod eines so lieben Menschen erfahren, der mich sehr traurig gemacht hat. Ein älterer Herr, der in der Gegend wohnte. Fast täglich begegneten wir uns mindestens einmal. Viele hielten ihn aufgrund seines äußerlichen Erscheinungsbildes womöglich für einen Landstreicher. Er hatte nichts, war alleine, die Familie im Ausland. Sehr krank war er auch. Und - das ist das Entscheidende - eine herzensgute Seele! Obwohl er selbst nichts hatte, teilte er und machte Geschenke. Vor allem schenkte er einem stets ein herzlich ehrliches Lachen. Egal, wie schlecht es ihm gerade ging. Er freute sich über jeden Kontakt, der sich für ihn interessierte, liebte die Geselligkeit, die für ihn darin bestand, auf einem Stuhl sitzend das Treiben auf der Hauptstraße zu beobachten und sich mit den vorbeikommenden Menschen zu unterhalten. Manchmal fragte er auch nach etwas Kleingeld für ein Eis oder etwas anderes und zahlte es meistens zurück, da er keinem etwas schuldig sein wollte. Ich hatte vor, ihm etwas zu Weihnachten zu schenken. Zu spät. Bei unserer letzten Begegnung war ich in Eile und hatte keine Zeit für einen kurzen Plausch. Auch das kann ich nicht mehr rückgängig machen. Ich erfreue mich daher umso mehr daran, dass er mich vor einigen Wochen - trotz Corona - freudestrahlend und glücklich drückte. Einfach so. Weil er gut drauf war und mir zeigen wollte, dass er mich mag. Ich erwiderte seine Umarmung und werde diesen Moment und den wunderbaren Menschen sehr gerne in Erinnerung behalten!

Es kann jederzeit für jeden von uns vorbei sein. Die Frage, die sich jeder selbst beantworten muss, ist, wie möchten wir bis dahin leben und wie möchten wir diese Welt verlassen? Einsam oder in Würde?

Ja, ich finde den kroatischen Umgang mit der Krise besser! Wir können gleichermaßen Rücksicht aufeinander nehmen, Vorsicht walten lassen, das Leben aber ebenso nicht von Angst bestimmen und somit beenden lassen, bevor es überhaupt vorbei ist. Zudem müssen wir uns auch mit dem eigenen Tod auseinandersetzen. Er wird kommen. Durch was auch immer. Leben wir bis dahin! Und Leben muss man spüren!

Das ist nur meine Perspektive, ich weiß und respektiere, dass es auch andere gibt, auch wenn ich sie vielleicht nicht immer nachvollziehen kann. Muss ich auch nicht. Aber achten muss ich es, vor allem in dieser für uns alle schwierigen Zeit. Das fällt aufgrund eigener Ängste nicht immer leicht, daher besinnen wir uns auf die Gemeinsamkeiten, die uns verbinden. In vielem liegen wir alle doch gar nicht weit auseinander. Wir sind besorgt und sehnen uns nach Zusammenhalt, Geborgenheit und Rücksichtnahme.

Wir hoffen auf's Christkind.

Mein Sohn fragte mich erst kürzlich, ob denn das Christkind wegen Corona überhaupt käme. Erfüllt von zeitgleicher Wut, Trauer, Fassungslosigkeit und Genervtheit ob dieses aufgrund eben unseres gesellschaftlichen Umgangs mit der Lage und des daraus resultierenden hoffnungslosen Gedankenganges meines Kindes, schoss es zunächst platt aus mir heraus, "Klar, dat krischt kein Corona mehr!". Zum Glück aufgewachsen mit meinem zwanghaften Zynismus lachte mein Großer herzlich, fragte aber sicherheitshalber doch nochmal nach, ob es denn wirklich komme. Ich konnte es ihm guten Gewissens und sicher garantieren, liebe Leser! Ja, das Christkind wird kommen, egal was ist und in welcher Form auch immer. Es kommt! Und ich wünsche Ihnen allen ein vor Freude hüpfendes Herz, wenn es Sie erreicht hat und Trost und Zuversicht für den gebrochenen Teil Ihres Herzens! Vertrauen Sie darauf. Dann beantworten sich viele Fragen zu Richtig und Falsch von selbst.

Mit einem Gedicht von mir wünsche ich Ihnen von Herzen eine friedliche und besinnliche Weihnachtszeit! Ich wünsche mir, dass wir uns gesund und zuversichtlich im neuen Jahr an dieser Stelle wiedersehen!

Bis dahin alles Liebe, Gute, Gesundheit und Gottes Segen,

Ihre Dana Jungbluth

 

Das Christkind

Du glaubst nicht ans Christkind?
Ich zeige es Dir.
Du denkst, dass ich irr` bin?
Nein – es ist hier!
Vertraue mir, ich zeig` es Dir.

Sieh rauf zum Himmel, wenn rot er glüht,
prächtig, geborgen wirkt es, ganz leis`.
Frag jedes Kind, welch` dies` Wunder auch sieht,
„das Christkind backt Plätzchen“, es weiß.

Sieh an Dir die Lichter im Advent,
im Zauber der Kinderaugen funkeln.
Etwas, das ein jeder kennt.
Dies sei das Christkind, sie munkeln.

Fühle die Liebe, erstarkend zur Weihnacht,
so sehnen wir nach dem friedvollen Feste.
Der weite Sternenhimmel, der über uns wacht
liegt beim Christkind, was beschert uns das Beste.

Du fragst, was ist mit all dem Schmerz,
soviel Leid im Jetzt und Hier?
Du suchst nach der Liebe? So horch in Dein Herz.
DAS ist das Christkind – es steckt in Dir.

(Dana Jungbluth, 23. Dezember 2016)